IDAHOBIT – Queerfeindlichkeit lässt grüßen

IDAHOBIT -
Queerfeindlichkeit lässt grüßen

Seit 2005 wird jährlich am 17. Mai der IDAHOBIT – der International Day Against Homo-, Bi, Inter*- und Transphibia – begangen. Der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*- und Transphobie ist ein Aktionstag, der die Aufmerksamkeit auf die Diskriminierung und Bestrafung von Menschen lenken soll, die in ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität von der Heteronormativität (→Was ist das?) abweichen. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Am 17. Mai 1990 entfernte die Weltgesundheitsorganisation WHO „Homosexualität“ als Krankheit aus ihrem Diagnoseschlüssel. Transexualität wurde erst 2018 aus dem Diagnoseschlüssel entfernt. Dass dieser Aktionstag dringend notwendig ist und noch mehr Aufmerksamkeit benötigt, belegen jüngste Statistiken: Die Anzahl queerfeindlicher Gewalttaten in Deutschland nimmt seit Jahren zu.

Adrian Swancar / unsplash.com

1.051 Delikte gegen queere Menschen

Seit einiger Zeit erfassen Kriminalstatistiken auch Delikte, die sich gegen die sexuelle Orientierung richten. Hasskriminalität ist die massivste Ausdrucksform von Homophobie und Transfeindlichkeit. Dabei zielen Hassdelikte nicht nur auf die jeweiligen Betroffenen ab, sie dienen dem Zweck, ganze Bevölkerungsgruppen einzuschüchtern. Sie wirken deshalb häufig besonders brutal. Oft reicht bereits der Anblick, der Gewalttäter*innen motiviert, zuzuschlagen. Die Täter*innen sehen sich als Vollstreckende eines vermeintlichen Mehrheitswillens. Queere Menschen gelten in ihren Augen als „vogelfrei“. Queere Menschen sind jedoch keine heterogene Gruppe, die sich nicht etwa durch ihre Herkunft, Hautfarbe, Beeinträchtigung oder Religion charakterisieren lassen. Ein verliebter Blick, eine Umarmung oder ein Kuss im öffentlichen Raum ist deshalb häufig mit der Gefahr verbunden, Opfer einer queerfeindlichen Straftat zu werden.

Das Bundesinnenministerium veröffentlicht jährlich Zahlen zu queerfeindlich-motivierten Straftaten. Es handelt sich hierbei um eine Eingangsstatistik, das heißt, dass Zahlen veröffentlicht werden, die dem Bundesinnenministerium aktiv gemeldet werden. Für das Jahr 2021 wurden so insgesamt 1.051 queerfeindliche Straftaten gemeldet – 870 richteten sich gegen die sexuelle Orientierung.

2021 - 1.051 queerfeindliche Straftaten 95%
2020 - 782 queerfeindliche Straftaten 68%
2019 - 576 queerfeindliche Straftaten 48%

Die Dunkelziffer sei jedoch deutlich höher, berichtet etwa Sebastian Stipp, einer von zwei Ansprechpersonen für queere Menschen bei der Berliner Polizei. Auf 80 bis 90% schätzt er die Dunkelziffer – also die Straftaten, die zwar queerfeindlich motiviert waren, aber entweder nicht bei der Polizei angezeigt oder aber nicht als Hasskriminalität registriert werden, sondern als Allgemeinkriminalität (z.B. Beleidigung, Körperverletzung, …). Das bedeutet auch, dass nur ein Bruchteil der queerfeindlichen Straftaten tatsächlich auch registriert werden. Viele Betroffene scheuen jedoch den Weg zur Polizei. Bei einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur aus dem Jahr 2020 kam heraus, dass gerade einmal 13% der Betroffenen zur Polizei gegangen seien. Befragt wurden 16.000 queere Menschen. Der häufigste Grund sei demnach die Angst vor einer homo- oder transphoben Reaktion der Polizei.

Wer begeht queerfeindliche Straftaten?

Auch die Hintergründe der Täter*innen können nur dann ordentlich erfasst werden, wenn queerfeindliche Straftaten angezeigt werden. Die Kriminalstatistik schlüsselte etwa 2020 auf, was über die Hintergründe der Täter*innen bekannt ist. 

30%
rechts
2%
links
2%
ausländische Ideologie
3%
religiöse Ideologie
63%
nicht zuzuordnen

homophob motivierte Straftaten 2020 - Informationen zu Täter*innen

Homo- und Transphobie als Motiv?

Die Begriffe, die für diesen Aktionstag verwendet werden, sind nicht gänzlich ohne Kritik zu betrachten. Homo-, Bi-, Inter*-. und Transphobie implizieren, dass es sich um eine Phobie – also eine Angst – handelt. Dabei ist es keine Angst, die zu queerfeindlichen Straftaten führt, sondern menschenverachtende und queerfeindliche Ansichten und Haltungen. Menschen, die trans, nicht-binär oder sichtbar queer leben, sind deshalb häufig von Diskriminierung oder Gewalt betroffen. Im November 2020 wurde in Dresden etwa ein schwules Pärchen ermordet. In Thüringen töteten zwei rechtsradikale Männer ebenfalls einen schwulen Mann. Warum? Weil die Männer Männer liebten. Sie waren „anders“.

»Ich bin Künstler*in und Fotograf*in. Letzten Mittwoch war ich in Lichtenberg, um falsche Nägel für ein Fotoshooting zu kaufen. Danach setzte ich mich auf eine Treppe mit einem Stück Wassermelone, um mich abzukühlen. Ich saß erst ein paar Minuten, als ein Mann und eine Frau auf mich zukamen. "I'll shoot you to the head", entgegnete er mir beim Vorbeigehen auf Englisch. Ich zog mein Handy aus der Tasche, um zu filmen, ich wollte seine Beleidigungen dokumentieren. "Was hast du für ein Problem", schrie ich ihm hinterher. Da hielt der Mann inne, drehte sich um und zog eine Waffe. Panik, mehr spürte ich in dem Moment nicht. Ich schrie auf und lief, ohne groß darüber nachzudenken, weg. "Hurensohn" und "Verschwinde aus Berlin", hörte ich ihn hinter mir rufen. Ich lief bis zur nächsten Tramstation drei Minuten entfernt.«

Toto Stoffels, 24

(they/them)

Betroffene leben in ständiger Angst. Sie müssen sich umsehen, wenn sie in der Öffentlichkeit sind. Händchenhaltend durch die Stadt zu gehen, ist immer mit einem Risiko verbunden. Ein Kuss zum Abschied am Bahnhof? Undenkbar. Berichte von Betroffenen und die Kriminalstatistiken belegen, dass diese Angst begründet ist. Deshalb braucht es einen internationalen Aktionstag. Deshalb braucht es Aktionen und Kampagnen, um auf diese Missstände hinzuweisen. Es braucht Pride-Paraden und Kundgebungen für mehr Toleranz und gegenseitigen Respekt. Menschen sollten so leben können, wie sie leben und lieben wollen. Ohne Angst.

Quellen: zeit.de, lsvd.de, ezra.de, rbb24.de, statista.com, spiegel.de, queer.de, fr.de, echte-vielfalt.de, bmi.bund.de

Titelbild:  Adrian Swancar on Unsplash [externe Links]

Pride

»Ich habe keinen schwulen Sohn!« – Coming-Out und Homophobie

»Ich habe keinen schwulen Sohn!« – Coming-Out und Homophobie »Ich habe keinen schwulen Sohn!« – »Dann, Mom, hast du keinen Sohn.« Der Dialog aus dem US-amerikanischen Film „Prayers for Bobby“ zeigt die Problematik des sogenannten Coming-Outs. Homo-, Bi- und Transsexuelle „outen“ sich gegenüber Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Dabei ist das Coming-Out kein Meilenstein, sondern ein langer Prozess, der betroffene andauernd

Homo-Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, Love is Love, Ehe für alle
Pride

»Nein!« zur Homo-Ehe

Deutschland beschloss im Jahr 2017 die Ehe für Alle. Die „Homo-Ehe“ entspricht jedoch nicht dem „traditionellen Familienbild“.

Pride

Darum braucht es Pride!

»Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich« – Von wegen. LGBTQ*-Menschen erfahren tagtäglich Diskriminierung. Daher braucht es Prides.

Hinterlasse einen Kommentar:

Your email address will not be published.