»Schädlich und gefährlich« – LGBTQ im Fußball

»Schädlich und gefährlich« - LGBTQ im Fußball

Der Juni gilt offiziell als Pride-Month und fällt mal wieder mit der Fußball-Europameisterschaft zusammen. Die EM, die in diesem Jahr aufgrund der Pandemie nachgeholt wird, steht in diesem Jahr im besonderen Zeichen von Pride und Anti-Diskriminierung. Die Union of European Football Associations, kurz UEFA, setzt sich bereits seit mehreren Jahren gegen Rassismus ein. Bereits 2013 startete die UEFA die Kampagne „No to racism“ mit TV-Spots, in denen sich bekannte Gesichter aus Europa- und Champions-League gegen Rassismus aussprechen. Mit der neuen Kampagne „Equal Games“ soll künftig noch deutlicher gemacht werden, »dass weder Alter, noch Geschlecht, noch Religion, noch Behinderung, noch die ethnische Herkunft die Teilhabe an diesem Sport verhindern dürfen und Fußball jede Grenze überbrücken kann«. Der Präsident der UEFA, Aleksander Ceferin, schloss explizit auch den Kampf gegen Homophobie in die Kampagne ein.

Insbesondere der Blick auf die Weltmeisterschaft in Katar – einem Land, in dem Homosexualität bestraft wird, – ruft die aktuelle Entwicklung während der EM Zweifel an der Kampagne der UEFA hervor. Nachdem der Verband zunächst Ermittlungen gegen Manuel Neuer und den DFB wegen des Tragens einer Regenbogenbinde ankündigte, soll nun offenbar die Regenbogenbeleuchtung der Allianz-Arena verboten werden.

Foto: iStock.com/anahtiris

Neuer trägt Regenbogenbinde - UEFA ermittelt

Der Team-Kapitän und Torhüter der deutschen Nationalmannschaft, Manuel Neuer, trug bei den Spielen der Vorrunde eine Armbinde in Regenbogenfarben. Die Regenbogenfahne gilt als Symbol für Vielfalt und steht für Aufbruch, Veränderung, Frieden und Akzeptanz. Die UEFA hatte gegen den DFB und Manuel Neuer Disziplinar-Ermittlungen eingeleitet, weil die getragene Spielführerarmbinde gegen das Regelwerk verstoßen solle.

Im offiziellen Regelwerk zur Europameisterschaft heißt es: »Die UEFA stellt den Verbänden die Kapitänsbinden zur Verfügung und gibt Richtlinien für deren Verwendung bei Spielen heraus«. Der Pressesprecher des Deutschen Fußball Bunds, Jens Grittner, verdeutlichte die Stellung der deutschen Nationalmannschaft und das Tragen der Regenbogenbinde als »Bekenntnis für Diversität, Offenheit und Toleranz«.

»Der Juni steht auch im Sport im Zeichen von 'Pride', um sich für mehr Vielfalt stark zu machen. Auch in diesem Jahr beteiligt sich der DFB mit verschiedenen Aktionen. Als Zeichen und klares Bekenntnis der gesamten Mannschaft für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung. Die Botschaft lautet: Wir sind bunt!«

Jens Grittner

Pressesprecher DFB

Bei der aktuellen Meisterschaft hat die UEFA eine Armbinde mit dem UEFA-Logo und dem Slogan „Respect“ vorgegeben, womit der Verband sich für »Inklusion, Vielfalt und Barrierefreiheit im europäischen Fußball« einsetzen möchte. Umso überraschender erschienen die Ermittlungen der UEFA, die inzwischen jedoch eingestellt wurden. Nach Überprüfung durch die UEFA wurde die Kapitänsbinde als Zeichen der Mannschaft für Vielfalt und damit als „good cause“ bewertet.

Warum soll die Allianz-Arena in Regenbogenfarben erstrahlen?

Am Mittwoch, 23.06., beschreitet Deutschland das dritte Spiel der Vorrunde. Bei dem Spiel, das in der Münchener Allianz-Arena ausgetragen werden soll, tritt die DFB-Elf gegen die Nationalmannschaft von Ungarn an. In Ungarns Verfassung ist ein Familienbild aus Vater, Mutter und Kind verankert. Homo- und Transsexualität sollen nun per Gesetz aus der Öffentlichkeit verschwinden. Das ungarische Parlament unter der Leitung von Ministerpräsident Viktor Orbán hatte am 14. Juni 2021 mehrere Gesetze verabschiedet und so Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt.

»Ungarn ist sehr tolerant und geduldig gegenüber Homosexuellen. Es gibt aber eine rote Linie und die darf man nicht überschreiten: Lasst die Kinder in Ruhe.«

Viktor Orbán

Ministerpräsident Ungarns

Die ungarische Regierung verbot Homosexuellen unter anderem, Kinder zu adoptieren. Das klassische Familienmodell aus Vater, Mutter und Kind ist sogar in der ungarischen Verfassung verankert. Medien, die ein anderes Familienbild zeigen, sind fortan in Ungarn verboten. Das bedeutet: Aufklärungskampagnen in Schulen und Werbespots, wie der von Coca Cola, der im vergangenen Jahr ein gleichgeschlechtliches Paar zeigte, sind in Ungarn nicht länger erlaubt.

Im neuen Gesetzpaket wird Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt. Oppositionsparteien, die sich für LGBTQ*-Rechte einsetzen, werden damit zu ‚Pädophilen-Streichlern‘ diffamiert. 

Um ein starkes Zeichen gegen die homophobe Entwicklung in Ungarn zu setzen, hat der Münchener Stadtrat einen Antrag bei der UEFA eingereicht. »Die Landeshauptstadt bekennt sich zu Vielfalt, Toleranz und echter Gleichstellung im Sport und in der ganzen Gesellschaft«, heißt es in dem Antrag. Deshalb wolle man die Allianz-Arena am Mittwochabend in Regenbogenfarben beleuchten, wie es in vergangenen Jahren während des Pride-Months häufig getan wurde.

»Schädlich und gefährlich« - Ungarn und AfD entzürnt über Debatte, UEFA lehnt Antrag ab!

Das Vorhaben, die Arena am Spielabend in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen, entzürnt nicht nur die Politiker Ungarns. Auch AfD-Abgeordnete echauffieren sich über die Pläne des Münchener Stadtrats. Die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch erklärte etwa: »Die geplante Ausleuchtung der Arena in den Farben des schwulen Regenbogens richtet sich gegen Ungarns frei und demokratisch gewählte Regierung.« Ungarns Außenminister Peter Szijjártó kritisierte: »Es ist äußerst schädlich und gefährlich, Sport und Politik zu vermischen.« Diese Ansicht vertreten offenbar auch die Funktionäre der UEFA, denn sie lehnten den Antrag des DFB am Dienstag ab.

»Die UEFA ist gemäß ihrer Satzung eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieses speziellen Antrags - eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen nationalen Parlaments abzielt - muss die UEFA diesen Antrag ablehnen.«

UEFA

aus dem Antwortschreiben

Die Gründe waren dabei bereits im Antrag ersichtlich. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) begründete den Antrag mit den »Einschränkungen, die in Ungarn zu Lasten der Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender (LGBTIQ) gegeben sind«. Der Politiker finde es »beschämend«, dass die UEFA ein solches Zeichen für Weltoffenheit, Toleranz und Respekt verbiete. Er kündigte an, dass die Stadt München am Tag des Spiels deutliche Zeichen für Solidarität und den Respekt für sexuelle Gleichberechtigung nach Ungarn und in die Welt senden werde: Neben einem Windrad in der Nähe der Allianz-Arena werde auch der Münchener Olympiaturm in Regenbogenfarben bestrahlt. Am Rathaus werde man ebenfalls Regenbogenflaggen hissen. Zahlreiche Stadien in der Bundesrepublik werden während des Spiels ebenfalls in Regenbogenfarben erleuchten.

Die WM 2022 findet in einem homophoben Land statt

Mit Blick auf die im nächsten Jahr stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ist die Entscheidung der UEFA genau das: beschämend. In Katar wird Homosexualität mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe geahndet. Profisportler und Organisatoren warnen daher queere Fußballfans davor, ihre Homosexualität bei einem Besuch in Katar offen auszuleben. Das Land hatte im Dezember 2020 mit der Entscheidung überrascht, bei der WM auch Regenbogenfahnen zuzulassen. Trotz der strengen Anti-LGBTQ*-Gesetze werde man gegen das Hissen queerer Symbole wie die Regenbogenfahne nicht einschreiten. Cheforganisator Hassan Al Thawadi forderte queere WM-Besucher währenddessen auf, keine öffentliche Zuneigung zu zeigen. Lesben und Schwulen drohe in dem islamischen Land eine fünfjährige Freiheitsstrafe.

Katar ist eines der reichsten Länder der Welt, steht jedoch international etwa wegen der Ausbeutung ausländischer Arbeiter in der Kritik. Die Hilfsorganisation Amnesty International warf dem Land jüngst vor, eine »Spielwiese« für »skrupellose« Arbeitgeber zu sein. Hunderte von Arbeitern warteten seit Monaten auf ihre Löhne, ohne dabei Unterstützung vom Staat zu erhalten. Mit Katar wird zudem erstmal seit 1966 ein Land Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft, in dem Homosexualität grundsätzlich unter Strafe steht. 1966 fand die WM in England statt, das Land schuf entsprechende Anti-LGBTQ*-Gesetze jedoch erst 1967 ab.

Der Austragungsort steht deshalb zurecht in der Kritik. Profisportler hätten aufgrund ihrer medialen Reichweite eine besondere Verantwortung. Man müsse daher für eine tolerante und vielfältige Gesellschaft einstehen, sagt etwa der DFB. Abgesehen von Thomas Hitzlsperger, der sich nach dem Ende seiner Profi-Karriere als schwul geoutet hatte, gibt es in der deutschen Fußball-Bundesliga keine offen schwul lebenden Fußballer. Im Profisport scheint das Thema also weiter unterrepräsentiert. Umso wichtiger ist deshalb jeder kleiner Beitrag für eine tolerante und vielfältige Gesellschaft, angefangen mit einer regenbogenfarbigen Kapitänsbinde.

Quellen: tagesschau.de, queer.de, rnd.de, kicker.de, spiegel.de, ran.de, de.uefa.com, n-tv.de, fr.de, br.de

Titelbild: iStock.com/anahtiris

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