»Ich habe keinen schwulen Sohn!« – Coming-Out und Homophobie

»Ich habe keinen schwulen Sohn!« - Coming-Out und Homophobie

»Ich habe keinen schwulen Sohn!« – »Dann, Mom, hast du keinen Sohn.« Der Dialog aus dem US-amerikanischen Film „Prayers for Bobby“ zeigt die Problematik des sogenannten Coming-Outs. Homo-, Bi- und Transsexuelle „outen“ sich gegenüber Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Dabei ist das Coming-Out kein Meilenstein, sondern ein langer Prozess, der betroffene andauernd in die Situation bringt, sich und ihre Identität erklären zu müssen – sich zu outen. Die Reaktionen darauf sind nicht immer erfreulich und die Angst vor negativen Reaktionen oftmals belastend. Wie Betroffene ihr Coming-Out erleben und auf welche Probleme sie dabei stoßen, habe ich in der Vorbereitung auf diesen Beitrag gesammelt.

Miłosz Karski / pixabay.com

»Ich hatte Angst, dass mein Bruder wegen meiner Homosexualität in der Schule gemobbt wird.«

Angelo war 14, als er merkte, dass er sich zu Jungen hingezogen fühlt. Sein Outing beschreibt er als schwierig. In der Familie war sein Coming-Out geprägt von Intoleranz und der Angst vor Mobbing.

»Als die Zeit des Outings bei mir los ging, da war mein Bruder 10. Und auch, wenn es nicht nötig ist, sich da schon zwingend bei jemandem zu outen, wollte ich es doch tun, schließlich ist er mir wichtig.

Also entgegen der Wünsche meiner Eltern, dass ich mir das Outing bei ihm spare, weil er sonst bestimmt wegen eines homosexuellen Bruders gemobbt werden würde in der Schule, habe ich mich bei ihm geoutet…

Bei dem Outing hat er geweint. Er hatte wohl Angst, dass er niemals Onkel werden würde… na gut, was weiß auch ein 10-Jähriger dazu, wenn er sich nie damit auseinandergesetzt hat.

Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass die immer wieder vor meinem Outing offengelegte Homophobie und Intoleranz meines Vaters seine Finger im Spiel hatte…«

Angelo

begann sein Coming-Out mit 14

Insbesondere in der Familie ist das Coming-Out immer wieder mit großen Ängsten verbunden, weil die Familie als sicherer Rückzugsort gilt. Ihn zu verlieren kann schmerzhaft sein, wie der Film „Prayers for Bobby“ sehr anschaulich zeigt. Der Bruch der Familie führt zu Druck, unter dem Betroffene unglaublich leiden.

»Als ich mich zuhause geoutet habe, hat meine Mutter mich rausgeworfen.«

Saskia

hatte ihr Coming-Out in der Familie mit 17

Das Coming-Out setzt Betroffene unter psychischen Druck. Das Coming-Out umfasst dabei verschiedene Phasen. Es beginnt mit einem innerpsychologischen Vorgang, dem eigenen Bewusstwerden und die abschließende Gewissheit, nicht heterosexuell zu sein. Anschließend folgt ein sozialer Vorgang, nämlich die schrittweise Veröffentlichung der nicht-heterosexuellen Identität in einer heteronormativen Gesellschaft.

»Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich schwul bin, hielt sie es für eine Phase. Sie war davon überzeugt, man habe mir eine Gehirnwäsche verpasst und wollte mit mir zum Psychologen.«

Lennart

begann sein Coming-Out mit 15

Warum verursacht das Coming-Out oft Probleme?

Homo-, Bi- und Transsexuelle sind aufgrund ihres Minderheitsstatus in einer heteronormativen Mehrheitsgesellschaft besonders häufig von Diskriminierung betroffen. Sie machen andere Erfahrungen mit hinsichtlich ihrer Privilegierung als Heterosexuelle und durchleben eine andere sexuelle Identitätsentwicklung, bei der sie oft eine internalisierte Homonegativität überwinden müssen.

In einer heteronormativen Gesellschaft setzen sich Menschen mit ihrem Coming-Out spezifischen Risikodynamiken und Stressfaktoren aus. Die Erfahrungen, die Betroffene dabei machen, variieren dabei je nach Kultur, weil die Auffassung von Sexualverhalten, Geschlechterrollen und sexueller Orientierung sich unterscheidet.

»Ich bot ihm an, ihn ein bisschen aufzuklären, um ihm zu zeigen, dass Homosexualität überhaupt nicht unnatürlich sei, aber er lehnte ab. Ich konnte nichts tun. Schließlich brachte er den Satz, der dazu führte, dass wir das Thema künftig mieden: "Wenn ich dir zeigen würde, was ich davon halte, würdest du sicherlich den Kontakt abbrechen und das will ich nicht". Später, wenn er mich manchmal zum Bahnhof brachte, meinte er immer, ich solle "damit nicht hausieren gehen" – ich glaube, er hatte dabei mehr Angst um seinen als um meinen Ruf.«

Sebastian

begann sein Coming-Out mit 13

Das Fehlen nicht-heterosexueller Vorbilder

Neben dem gesellschaftlichen und familiären Druck tragen auch fehlende Identifikationsfiguren und die Unsichtbarkeit gleichgeschlechtlicher Familien- und Beziehungsmodelle zur Unsicherheit Betroffener bei. Heteronormative Bilder, Werte und Normen werden bereits lange vor dem Erwachsenenalter internalisiert und erzeugen in der Regel eine von der Gesellschaft und Betroffenen geteilte Erwartung, sich heterosexuell zu entwickeln. Die Erfahrung, dass Nicht-Heterosexuelle häufig abgewertet oder problematisiert werden, trägt im Wesentlichen zum psychischen Druck auf Betroffene bei. Die Angst, nach einem Coming-Out angefeindet oder ausgegrenzt zu werden, sorgt letztendlich dafür, dass Betroffene ihre sexuelle Orientierung oder Identität verstecken müssen. Mit Thomas Hitzlsperger outete sich erstmals ein deutscher Fußballspieler – allerdings erst nach seiner aktiven Spielerzeit.

»Als Profispieler ist man ohnehin einem enormen Druck und der ständigen Öffentlichkeit ausgesetzt. Es braucht viel Selbstbewusstsein für ein Coming-Out.«

Thomas Hitzlsperger

hatte sein Coming-Out mit 31

Im Februar outeten sich schließlich mehr als 185 Schauspieler*innen als homo-, bi-, transsexuell, queer oder nicht-binär [Was heißt das?]. Unter ihnen waren unter anderem Jannik Schümann, Max Krause, Nadine Wrietz und Sylvia Mayer, zuvor hatte bereits Elliot Page (ehemals Ellen Page) sich als transgender geoutet.

Antidiskriminierungsgesetz schützt nicht-heterosexuelle Menschen nicht

Diskriminierung wird im Grundgesetz verboten: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, heißt es in Artikel 3 des Grundgesetzes. Im dritten Absatz des Artikels wird dieses Verbot weiter ausgeführt: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ In der Vergangenheit hatte etwas die Bundestagsfraktion der Grünen angestoßen, die sexuelle Orientierung ebenfalls vor Diskriminierung zu schützen – bislang wurde der Antrag jedoch abgelehnt. Doch ob eine gesetzliche Regelung auch zum gesellschaftlichen Umdenken führen kann, ist zweifelhaft. Das Coming-Out eines Menschen stößt leider oft auf Homophobie und ist daher noch immer mit psychischem Stress verbunden.

Quellen: Stadler: Homonegativität in Deutschland.

C. Höfner, K. Ginkel und G. Käfer-Schmid: Sexuelle Orientierung im therapeutischen Kontext.

tagesschau.de, focus.de

Titelbild: Milosz Karski / pixabay.com

Gesellschaft

Wenn die Bundesregierung das Coming-Out übernimmt

Wenn die Bundesregierung das Coming-Out übernimmt Anwälte des Auswärtigen Amtes haben offenbar mehrere homo- und bisexuelle Asylbewerber in ihren Herkunftsländern geoutet. Wie die WELT am Freitag berichtete seien insbesondere Asylbewerber aus Pakistan, Nigeria, Kamerun und Tansania betroffen. In diesen Ländern ist Homosexualität strafbar und wird mit mehrjährigen Haftstrafen oder der Todesstrafe geahndet. Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits 2005 geurteilt, dass die

Homo-Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, Love is Love, Ehe für alle
Pride

»Nein!« zur Homo-Ehe

Deutschland beschloss im Jahr 2017 die Ehe für Alle. Die „Homo-Ehe“ entspricht jedoch nicht dem „traditionellen Familienbild“.

Hinterlasse einen Kommentar:

Your email address will not be published.