»Ihr Blut können wir leider nicht gebrauchen!« – Blutspendeverbot für Nicht-heterosexuelle

Blutspendeverbot bei Nicht-Heterosexuellen Menschen

Die Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten der Bundesärztekammer von 2017 schließt in Deutschland homo- und bisexuelle Männer und transsexuelle Menschen vom Blutspenden aus. Dabei handelt es sich bereits um eine gelockerte Regelung: Waren Homosexuelle zunächst lebenslang vom Blutspenden ausgeschlossen, gilt das Verbot derzeit nur für 12 Monate. Wörtlich heißt es dort:

Zeitlich begrenzt von der Spende zurückzustellen sind Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten, wie HBV, HCV oder HIV, birgt,

für 12 Monate:

  • heterosexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten, z. B. Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern,
  • Personen, die Sexualverkehr gegen Geld oder andere Leistungen (z. B. Drogen) anbieten (männliche und weibliche Sexarbeiter),
  • Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM),
  • transsexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten

Richtlinie Hämotherapie der Bundesärztekammer

Absatz 2.2.4.3.2.2

Das Stigmatisieren von nicht-heterosexuellen Menschen führt beim Blutspenden zum Ausschluss. Dabei werden in Deutschland derzeit jeden Tag etwa 15.000 Blutspenden benötigt. Die am häufigsten in Deutschland vorkommenden Blutgruppen sind die Gruppen A und 0. Doch gerade diese Blutgruppen werden laut aktuellem Blutgruppenbarometer derzeit am meisten benötigt. Wie löst man ein Problem, das nicht nur, aber sicher auch durch das Blutspendeverbot begünstigt wird?

Hush Naidoo / unsplash.com

Männer, die Sex mit Männern haben, haben ein höheres Risiko

Insbesondere unter Männern, die Sex mit Männern haben, ist das Risiko einer HIV-Infektion nach wie vor höher als bei heterosexuellen Menschen – das fand eine Studie von US-Forschern heraus, die im Fachjournal „Lancet“ veröffentlicht wurde. Das kann zwei mögliche Gründe haben:

  • die sexuelle Praktik des Analverkehrs birgt ohne Kondom ein 18-mal höheres Risiko einer Übertragung von HIV
  • Homosexuelle wechselten häufiger die Sexualpartner und auch die Rollen beim Geschlechtsverkehr würden sich verändern.

In einigen Ländern liege die HIV-Häufigkeit bei homosexuellen Männern bereits über 15%, schreiben die Forscher der Johns-Hopkins-Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Das Robert-Koch-Institut bestätigt auch für Deutschland, dass die Verbreitung des Humanen Immundefizienz Virus (HIV) am stärksten durch die Entwicklung in der Gruppe der homosexuellen Männer geprägt sei. Im Jahr 2019 infizierten sich rund 2.600 Menschen in Deutschland neu mit dem Virus. Da die Schleimhäute beim Analverkehr leichter für Viren zu durchdringen sind als beim vaginalen Geschlechtsverkehr, ist das Ansteckungsrisiko bei Männern, die Sex mit Männern haben, deutlich höher.

Ein Blick auf die Zahlen von 2011 zeigt, dass von 2.889 HIV-positiven Patienten im Jahr 2011 etwas mehr als 50% bekennend homosexuell waren (1.574). Die Neuregelung der Richtlinie erlaubt das Blutspenden für nicht-heterosexuelle Männer, wenn diese seit mindestens 12 Monaten keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben. Antikörpertests können eine HIV-Infektion bereits nach 6-12 Wochen nachweisen und das Blut wird beim Spenden in jedem Fall auf Erreger untersucht.

Blutspenden bei homosexuellen Männern in anderen Ländern

Während in Deutschland das Blutspenden für homo-, bi- und transsexuelle Männer nur eingeschränkt erlaubt ist, sind andere europäische Länder in dieser Hinsicht bereits weiter: Großbritannien hat das Blutspendeverbot jetzt gelockert. Wenn Betroffene zwar ein aktives aber monogames Sexualleben gehabt haben, dürfen auch sie fortan Blutspenden. Auch Neuseeland hat diese Regelung im Dezember 2020 angepasst. Auch bei unserem nördlichen Nachbarn Dänemark dürfen schwule Männer Blut spenden. Wer in einer monogamen Partnerschaft lebt, darf ohne zeitliche Einschränkungen spenden.

In Bulgarien, Argentinien, Bhutan, Bolivien, Chile, Costa Rica, Israel, Kolumbien, Lettland, Mexiko, Peru, San Marino, Südafrika, Portugal, Italien, Ungarn und Spanien wird die sexuelle Orientierung beim Blutspenden überhaupt nicht abgefragt. Stattdessen wird hier das individuelle Risiko ermittelt. Damit werden Männer, die Sex mit Männern haben, nicht anders behandelt, als heterosexuelle Männer. Wesentlich kürzere Rückstellzeiten als in Deutschland gibt es beispielsweise in Australien (drei Monate), Kanada (drei Monate), den USA (drei Monaten), Frankreich (vier Monate), den Niederlanden (vier Monate) und Österreich (vier Monate).

Diskriminierung beim Blutspenden

Der (zeitweilige) Ausschluss von homo-, bi- und transsexuellen Menschen oder Sexarbeiter*innen vom Blutspenden wird von Betroffenen und Verbänden als Diskriminierung betrachtet. Zwar ist die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung im Wortlaut des Grundgesetzes nicht verboten, grundsätzlich soll jedoch jede Form der Diskriminierung vom Grundgesetz geschützt werden. Die Stigmatisierung von „Männern, die Sex mit Männern haben“ und transsexuellen Menschen als „Risikogruppe“ sollte daher aus der Richtlinie gestrichen werden. Wer seit mehreren Jahren in einer monogamen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt und HIV-negativ getestet wurde, sollte nicht vom Blutspenden ausgeschlossen werden – auch wenn der letzte Geschlechtsverkehr noch keine 12 Monate her ist. Stattdessen sollte man eine realistische Risikobewertung vornehmen. Sie sollte sich daran orientieren, ob Blutspenden sicher sind, und nicht daran, ob sie homosexuellen sind.

Die Unterstellung, dass eine bestimmte sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität eine größere Infektionsgefahr bedeutet, ist diskriminierend. Sie schert darüber hinaus alle Homosexuellen über denselben Kamm und stigmatisiert die Gruppe dadurch. Sexualkontakte zwischen Männern grundsätzlich als Risikoverhalten zu charakterisieren, ist daher als Diskriminierung zu werten und mit Blick auf den Mangel an Blutkonserven daher zu verurteilen.

Wann kommt es in Deutschland zu notwendigen Änderungen?

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein gab bekannt, die Richtlinie im Jahr 2021 überarbeiten zu wollen. Ein dafür gebildeter Arbeitskreis wurde aufgrund der Corona-Pandemie bisher jedoch immer vertagt und auch zuletzt wieder abgesagt. Es gibt jedoch konkrete Entwürfe von Bundestagsfraktionen, die eine Änderung der Richtlinie anstreben.

 

»Die gesonderte Nennung von „transsexuellen  Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ in  der  Richtlinie  Hämotherapie  ist nicht akzeptabel, diskriminierend und völlig unverständlich. Wer Blut spendet, übernimmt Verantwortung sowohl für seine Spende als  auch  für die Gesellschaft.  Verantwortungsvolles Handeln gilt es zu ermöglichen und nicht pauschal abzuweisen.

Antrag Bündnis90 / Die GRÜNEN

Diskriminierung bei der Blutspende beenden

Eine entsprechende Änderung ist nicht nur sinnvoll, sondern auch zwingend notwendig. Die derzeitigen Regelungen sind nicht nur diskriminierend, sie ist auch absolut kontraproduktiv. Bestimmte Gruppen aufgrund eines vermeintlichen Risikos pauschal auszuschließen, obwohl eben dieses Risiko durch einen obligatorischen Antikörpertest vor der Transfusion ausgeschlossen werden muss, trägt nicht dazu bei, die Knappheit der Blutreserven abzudecken, die tagtäglich gebraucht werden. Die aktuelle Richtlinie trägt somit auch dazu bei, dass nicht-heterosexuelle Menschen eine geringere Bereitschaft haben, Blut zu spenden und damit auch anderen zu helfen. Die Änderung der entsprechenden Richtlinie könnte also dazu beitragen, diese Probleme zu lösen.

Quellen: rki.de, lsvd.de, aidshilfe.de, zeit.de, aerztezeitung.de, aerzteblatt.de, bundesaerztekammer.de, tagesspiegel.de, blutspende-nordost.de

Titelbild: Photo by Hush Naidoo on Unsplash

Pride

»Ich habe keinen schwulen Sohn!« – Coming-Out und Homophobie

»Ich habe keinen schwulen Sohn!« – Coming-Out und Homophobie »Ich habe keinen schwulen Sohn!« – »Dann, Mom, hast du keinen Sohn.« Der Dialog aus dem US-amerikanischen Film „Prayers for Bobby“ zeigt die Problematik des sogenannten Coming-Outs. Homo-, Bi- und Transsexuelle „outen“ sich gegenüber Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Dabei ist das Coming-Out kein Meilenstein, sondern ein langer Prozess, der betroffene andauernd

Gesellschaft

Wenn die Bundesregierung das Coming-Out übernimmt

Wenn die Bundesregierung das Coming-Out übernimmt Anwälte des Auswärtigen Amtes haben offenbar mehrere homo- und bisexuelle Asylbewerber in ihren Herkunftsländern geoutet. Wie die WELT am Freitag berichtete seien insbesondere Asylbewerber aus Pakistan, Nigeria, Kamerun und Tansania betroffen. In diesen Ländern ist Homosexualität strafbar und wird mit mehrjährigen Haftstrafen oder der Todesstrafe geahndet. Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits 2005 geurteilt, dass die

Pride

Darum braucht es Pride!

»Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich« – Von wegen. LGBTQ*-Menschen erfahren tagtäglich Diskriminierung. Daher braucht es Prides.

Hinterlasse einen Kommentar:

Your email address will not be published.