Darum braucht es Pride!

»Ekelhaft!« -
Darum braucht es Pride!

Die Fußball-Europameisterschaft hat das Thema LGBTQ*-Pride zuletzt wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Bei dem Spiel Deutschland gegen Ungarn verbot die UEFA die Regenbogenbeleuchtung der Münchener Allianz-Arena – Grund war ein erkennbar politischer Hintergrund: Ungarn hat zuvor ein Anti-LGBTQ*-Gesetz verabschiedet, um Homo- und Transsexualität in der Öffentlichkeit quasi „unsichtbar“ zu machen [→ mehr dazu].

Die Gründe, warum die sogenannte Pride-Bewegung notwendig ist, zeigten sich besonders im Juni, der seit Beginn der Bewegung als Pride Month bezeichnet wird. Unternehmen, die offen Farbe bekannten und etwa eine Regenbogenfahne vor ihrem Geschäft hissten, erhielten im Internet Hassbotschaften und es wurde zum Boykott aufgerufen. Auch Privatpersonen, die sich in Sozialen Netzwerken für mehr Vielfalt und die Pride-Bewegung positionierten, erhielten Anfeindungen und wurden beleidigt und bedroht. Und in vielen Ländern der Welt sind Homo- und Transsexualität noch immer illegal und werden zum Teil mit der Todesstrafe geahndet.

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Unternehmen betreiben oft Pinkwashing

Den Pride Month zelebrieren inzwischen auch zahlreiche Unternehmen. Doch nicht alle Unternehmen, die Farbe bekennen, setzen sich tatsächlich für sexuelle Vielfalt und Toleranz ein.

Während beispielsweise die UEFA eine Ermittlung gegen das Tragen einer regenbogenfarbenen Kapitänsbinde einleitete, die Regenbogenbeleuchtung des Stadions untersagte und zuletzt auch das Abnehmen von Regenbogenfahnen bei Fans vor dem Stadion veranlasst haben soll, präsentiert sich der Verband etwas auf Twitter ebenfalls in Regenbogenfarben.

Obwohl sich die UEFA schon seit längerer Zeit gegen Diskriminierung einsetzt, scheint die Diskriminierung von LGBTQ* irgendwie in Ordnung zu sein, wenn die Politik eines anderen Landes diese erlaubt. Ähnlichen Vorwürfen musste sich auch der Fahrzeughersteller BMW stellen. Während das Unternehmenslogo hierzulande in Regenbogenfarben präsentiert wird, bekennt das Unternehmen in Ländern wie Polen, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Russland keine Farbe. In diesen Ländern ist die neutrale oder positive Darstellung von Homosexualität strafbar.

»Da wäre es eigentlich super, wenn gerade Unternehmen, die sich zum Beispiel so Strafen auch leisten können, das dann trotzdem machen.«

Markus Apel

Lesben- und Schwulenverband (LSVD)

Zwar sei es dem Unternehmen wichtig, Haltung zu zeigen, es würden jedoch die lokalen Gesellschaften im eigenen Ermessen entscheiden, ob „sie sich zentral initiierten Kommunikations- und Marketingkampagnen anschließen oder nicht“, heißt es auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks.

Auch die Europäische Grenzschutzagentur Frontex präsentierte sich in Sozialen Netzwerken kürzlich in Regenbogenfarben und gab bekannt, dass man „eine Konferenz zu den Rechten der LGBT-Community“ abhalten werde. Frontex stand zuvor jedoch zunehmend in der Kritik der Medien. Unter anderem wurde ein Fall bekannt, bei dem Frontex-Schiffe ein Boot mit Geflüchteten zurückgedrängt hatte, nachdem sich dieses bereits in europäischen Gewässern befand. Damit verwehrte der EU-finanzierte Sicherheitsapparat zahlreichen Geflüchteten den Schutz vor Verfolgung – unter Umständen auch, nachdem sie aus einem homofeindlichen Land geflohen waren. Verfolgung aufgrund von Homosexualität wird zwar offiziell als Grund für Asyl angeführt, in der Praxis jedoch nur mit Einschränkungen durchgesetzt [→ mehr dazu].

LGBTQ*-Feindlichkeit nimmt zu

In der Bundeshauptstadt Berlin sind im vergangenen Jahr mehr als dreimal so viele homo- und transfeindliche Angriffen erfasst worden wie noch im Vorjahr. Von 559 gemeldeten Fällen, die das Antigewaltprojekt Maneo erfasste, richteten sich 395 gegen schwule und bisexuelle Männer, 117 Taten wurden gegen transsexuelle Personen verübt und 47 gegen lesbische und bisexuelle Frauen.

395 Angriffe gegen Schwule und männliche Bisexuelle 71%
117 Angriffe auf Trans-Personen 21%
47 Angriffe gegen Lesben und bisexuelle Frauen 8%

Der Anstieg der Zahlen könnte auch darauf zurückgeführt werden, dass homo- und transsexuelle Straftaten inzwischen häufiger angezeigt werden, sodass mehr Fälle aus dem Dunkelfeld bekannt werden.

Denkbar ist jedoch auch, dass die steigende Bereitschaft, Farbe zu bekennen, häufiger zu Übergriffen führen. Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) fand heraus, dass etwa die Hälfte aller LGBTQI*-Menschen ihre sexuelle Orientierung nicht offen ausleben. Mit 43% liegt Deutschland damit etwas unterhalb des EU-Durchschnittes von 53%.

45%
vermeiden Händchenhalten
36%
sind zuvor belästigt worden
13%
wurden angegriffen

Bei der Umfrage, bei der 16.000 Deutsche befragt wurden, stellte sich heraus, dass 45% der Betroffenen das Händchenhalten mit einer gleichgeschlechtlichen Person in der Öffentlichkeit vermeiden, weil sie Angst vor Anfeindungen haben. 36% der Befragten sagten aus, sie seien in den vergangenen 12 Monaten belästigt worden. Mehr als jeder Achte wurde in den letzten fünf Jahren körperlich oder sexuell angegriffen. Mehr als jeder Fünfte hält seine sexuelle Orientierung aus Angst vor Benachteiligung am Arbeitsplatz geheim.

»Zwar haben wir eine überwiegend tolerante Gesellschaft, aber wir haben es noch immer mit zu vielen Menschen zu tun, die vorurteilsmotiviert Menschen im Kontext von LGBTQ*-Feindlichkeit angreifen.«

Bastian Finke

Leiter des Projekts Maneo

Diskriminierung auf politischer Ebene

Egal, ob das Propagandagesetz von Russland, das Anti-LGBTQ*-Gesetz in Ungarn oder die konservative Haltung deutscher Politiker und Parteien wie der AfD – Homo- und Transsexualität erfahren auch auf politischer Ebene Diskriminierung. Zuletzt hatte der tschechische Präsident Miloš Zeman mit abwertenden Äußerungen für Empörung gesorgt. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN hatte Zeman Trans-Menschen als „ekelhaft“ bezeichnet. Den für Anfang August geplanten CSD in Prag kritisierte der Präsident scharf.

»Wenn man sich einer geschlechtsverändernden Operation unterzieht, begeht man im Grunde ein Verbrechen der Selbstverletzung. Jeder medizinische Eingriff ist ein Risiko – und diese Transgender-Leute halte ich für ekelhaft. Wenn ich etwas jünger wäre, würde ich eine große Demonstration von Heterosexuellen in Prag organisieren. Es gibt Millionen von uns.«

Miloš Zeman

Präsident Tschechiens

Auch in Deutschland erfährt die LGBTQ*-Community politische Diskriminierung. Erst 2017 wurde in einer Gewissensentscheidung die „Ehe für alle“ genehmigt. Seit langem wird im Bundestag für die Gleichberechtigung der LGBTQ*-Community gekämpft. So dürfen Homosexuelle in Deutschland noch immer kein Blut spenden. Einen entsprechenden Änderungsantrag hatte der Bundestag  vor der Sommerpause 2021 erneut abgelehnt [→ mehr dazu]. Auch Änderungen beim Transsexuellengesetz scheiterten vor Kurzem erneut. FDP und GRÜNE hatten sich für eine Änderung des Gesetzes eingesetzt, um Trans-Personen aufwändige Begutachtungen zu ersparen.

Deshalb Brauchen wir Pride!

Vielfalt, Respekt und Toleranz sind wichtige Werte unserer Gesellschaft. Sie zu schätzen und zu vermitteln sollte Teil der Werte sein, die in einer Demokratie vermittelt werden. Die Aufmerksamkeit, die das Thema in diesem Jahr erfahren hat, ist wichtig und notwendig, weil Gleichberechtigung, Respekt und Toleranz noch immer nicht selbstverständlich sind. Solange es gewaltsame Übergriffe auf LGBTQ*-Menschen gibt, diese verfolgt oder gesetzlich benachteiligt werden, Beleidigungen und Anfeindungen zum Alltag für Betroffene gehören und die Angst zum ständigen Begleiter wird, sind Prides und ist der Kampf für Respekt, Toleranz und Gleichberechtigung notwendig. Solange Menschen sich daran stören, dass es einen Pride Month, nicht jedoch einen Straight Month gibt, existiert das Problem weiter in unserer Gesellschaft. Forderungen nach Straight Prides, weil „die Homos auch überall demonstrieren“, sind Teil des Problems, welches viele Menschen jedoch nicht verstehen:

LGBTQ*-Menschen wollen niemandem etwas wegnehmen. Sie wollen keine Privilegien oder mehr Rechte als andere. Sie wollen Gleichberechtigung. Sie wollen Blutspenden und damit bei der aktuellen Blutknappheit aushelfen. Sie wollen Kinder adoptieren können. Sie wollen leben und lieben. Und wie sie das tun, sollten sie im Rahmen der gleichen Gesetze wie jeder andere Mensch auch selbst bestimmen können. Denn bereits im Grundgesetz steht:

»Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.«

Grundgesetz

Artikel 3, (1)

Quellen: zdf.de, queer.de, zeit.de, br.de, rp-online.de

Titelbild: freepik / freepik.com

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