Kann uns ein Lockdown aus der Pandemie führen?

Kann uns ein Lockdown aus der Pandemie führen?

Der Lockdown scheint in der Corona-Pandemie zum wirksamen Instrument zu werden. Länder wie Portugal haben dank eines strikten Lockdowns ihre Inzidenz von 878 (Infektionen pro 100.000 Einwohner) Ende Januar 2021 auf zuletzt 28 gesenkt. Im selben Zeitraum hat sich die Inzidenz in Deutschland von 104 auf 135 gestiegen. Deutschland bewerte sich zunächst seit Anfang November 2020 im sogenannten „Lockdown Light„. Kurz vor Weihnachten wurde der Lockdown verschärft. Inzwischen wurden die Maßnahmen weitgehend gelockert. Schulen und Kitas sind (zum Teil in Wechselmodellen) geöffnet, der Einzelhandel wurde vielerorts (ggf. mit Termin-Shopping) geöffnet. Während die einen weiterhin Lockerungen fordern und den Lockdown als Einschränkung der Grundrechte kritisieren, fordern viele einen noch härteren Lockdown. Kann uns ein Lockdown wirklich aus der Pandemie führen?

Charles Deluvio / unsplash.com

Wieso kann ein Lockdown helfen?

Um zu verstehen, warum ein Lockdown ein effektives Mittel zur Pandemiebekämpfung sein könnte, muss man zunächst das Virus und die Virusübertragung verstehen. Wie bei vielen anderen Erkrankungen der Atemwege werden die Erreger über die sogenannte Tröpfcheninfektion übertragen. Hierbei spielen Aerosole eine wichtige Rolle. Diese atmen wir aus. Sichtbar machen kann man diesen Prozess durch das Ausatmen von Qualm. Auf dem direkten Weg werden beim Ausatmen, Husten und Niesen besonders große Tröpfchen transportiert. Diese sinken schnell ab und sind deshalb auf kurze Distanzen begrenzt. Das Abstandhalten (mindestens 1,50m) verhindert also die Übertragung über diese großen Tröpfchen, von denen eine besondere Gefahr ausgeht.

In unserer Atemluft sind jedoch auch leichtere Partikel, an denen ebenfalls Viren haften können. Diese breiten sich – wie auch der Rauch – in der Raumluft aus. Die Virusdichte wird dabei in der Luft umso geringer, je weiter wir uns von Mund und Nase entfernen. Diese Partikel breiten sich jedoch in der Raumluft aus und können auch über Distanz in geschlossenen Räumen zu einer Übertragung führen. Durch das Tragen einer Maske können viele große und kleine Partikel beim Ausatmen „aufgefangen“ werden. Das zusätzliche Lüften sorgt dafür, die Viruslast in der Raumluft zu reduzieren, indem die Luft ausgetauscht wird.

Ein Lockdown kann in der Pandemie also dazu beitragen, Kontakte – insbesondere unbeabsichtigte Kontakte – zu reduzieren. Dabei werden jedoch auch beabsichtigte Kontakte zwangsläufig reduziert. Eine Übertragung des Virus kann dadurch eingegrenzt werden, da Kontakte in jeglicher Form auf ein Minimum reduziert werden. Da eine infizierte Person das Virus mehrere Tage lang überträgt, muss ein Lockdown eine Dauer von mehreren Tagen habe.

Wirkt ein Lockdown wirklich?

In der Theorie kann und soll ein Lockdown also dazu beitragen, Kontakte zu reduzieren und die Gefahr von Ansteckungen minimieren. Dass die einzelnen Einschränkungen im Rahmen des Lockdowns ganz unterschiedliche Wirksamkeiten haben, zeigt eine Publikation von Forschern der Universität Oxford. Die Veröffentlichung bestätigt, dass eine nicht-pharmazeutische Intervention – also die Bekämpfung der Pandemie ohne Medikamente – derzeit die primäre Methode der Bewältigung der Pandemie in Europa zu sein scheint.

Die Forscher untersuchten unterschiedliche Maßnahmen während der zweiten Welle in 117 Regionen aus 7 Ländern. Die Ergebnisse sprechen für eine Wirksamkeit von einzelnen Lockdown-Maßnahmen.

Sharma, M. et al. (2021): Understanding the effectiveness of government interventions in Europe’s second wave of COVID-19.

Den größten Effekt haben demnach die Schließungen von nicht-relevanten Einrichtungen (‚all non-essential businesses closed‘) wie Nachtclubs, Freizeit- und Unterhaltungseinrichtungen, Gastronomie, Einzelhandel und kontaktnahe Dienstleistungen (Massagen, Friseure, Nagelstudion, …). Auch das Verbot von Ansammlungen (‚all gatherings banned‘) hat einen deutlich positiven Effekt auf die Reduzierung des R-Werts. Ein Lockdown, der diese Bereiche schließt und alle Ansammlungen auf maximal zwei Personen reduziert, könnte den R-Wert um 52% senken [95% CI: 47-56%].

Effekt von Schulschließungen vergleichsweise gering

Auch die Schließung aller Bildungseinrichtungen (‚all educational institutions closed‘) hat einen positiven Effekt auf das Infektionsgeschehen, weil der R-Wert hierdurch um rund 7% [95% CI: 4-10%] gesenkt werden konnte. Dass der Effekt an dieser Stelle so niedrig ist, läge an den umfangreichen Maßnahmen, die in Schulen ergriffen wurden (z.B. Kontaktverfolgung, asymptomatisches Testen, Desinfektion und Belüftung, Abstands- und Maskenregelung, Halbierung der Gruppengrößen und Kohortenregelung). Dabei betont die Publikation, dass diese Maßnahmen nicht in allen Ländern im zweiten Lockdown bereits derart umfangreich ergriffen wurden. In Deutschland läuft die asymptomatische Testung von Schülerinnen und Schülern jetzt erst an. Erst durch diese Maßnahmen können Infektionscluster an Schulen effektiv verhindert werden.

Eine nächtliche Ausgangssperre (’night time curfew‘) und strengere Masken-Regelungen (’stricter mask-wearing policy‘) hatten ebenfalls einen moderaten Effekt. Die nächtlichen Ausgangssperren hatten mit 13% [95% CI: 6-20%] einen moderaten aber signifikanten Effekt. Auch die Maskenpflicht trug mit 12% [95% CI: 7-17%] zur Reduzierung des R-Werts in der zweiten Welle bei.

Persönliche Kontaktbeschränkungen ergänzen öffentliche Beschränkungen

Ergänzend zu den weitreichenden oben genannten Konsequenzen differenziert die Studie der Oxford-Universität den Effekt von Versammlungen noch einmal. Deutlich wird sofort: Je mehr Personen zusammenkommen, umso geringer wird der Effekt. Einen besonders einflussreiche Reduzierung des R-Werts verzeichnet die Studie, wenn man Versammlungen auf maximal zwei Personen reduziert. Es handelt sich hierbei offensichtlich um eine exponentielle Abnahme des Effekts: Je mehr Personen zusammenkommen, desto geringer wird der Effekt.

Saarland möchte Lockdown nach Ostern beenden

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, kritisiert die bisherige Auswertung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als unzureichend. Man hangele sich „von Maßnahme zu Maßnahme. […] Damit muss dringend Schluss sein!“

Der Lockdown hat gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft: Gastronomie und Einzelhandel sind seit Monaten geschlossen, die im letzten Jahr versprochenen „Novemberhilfen“ zum Teil noch immer nicht ausgezahlt und auch die Tourismus-Branche leidet unter den strikten innerdeutschen Reisebeschränkungen. Zudem wächst der Druck, der insbesondere durch Medien und die Demonstrationen auf die Politik ausgeübt wird. Dieser Druck führte zuletzt gar zu Öffnungen, obwohl die Zahlen bundesweit im dreistelligen Bereich liegen und weiter steigen. Das Saarland kündigte gar an, den Lockdown nach Ostern zu beenden. Man wolle zu einer Modellregion werden, erklärte etwa Ministerpräsident Tobias Hans (CDU).

In einem öffentlichen Interview in der Polit-Talkshow Anne Will erteilte Bundeskanzlerin diesem Vorhaben eine Absage. Man habe sich bei der Ministerpräsidentenkonferenz auf Maßnahmen geeinigt und eine verpflichtende Notbremse vereinbart. Diese gelte auch für Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und das Saarland verpflichtend. Das Saarland hat derzeit eine Inzidenz von 81,1, Nordrhein-Westfalen verzeichnet sogar 132,3 Infektionen pro 100.000 Einwohnern. Dennoch kündigte Ministerpräsident und CDU-Chef Armin Laschet an, die Notbremse nicht auf Landesebene ziehen zu wollen.

Mehrheit der Bevölkerung Für Lockdown

Im ZDF-Politbarometer von 25.03.2021 wurde gefragt, wie die Bevölkerung die derzeitigen Coronamaßnahmen bewertet. Es zeigt: Eine Mehrheit für Lockerungen gibt es in der Bevölkerung nicht.

Aktuell geltende Corona-Maßnahmen sind...

übertrieben 26%
gerade richtig 31%
nicht hart genug 36%

Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Noch vor einem Monat sah dies ganz anders aus. Doch dort sanken die Infektionszahlen noch. Seitdem hat insbesondere die zweite Gruppe 24% verloren. Härtere Maßnahmen fordern seitdem 18% mehr als noch im Februar.

Zwischenfazit: Wenn Lockdown, dann richtig!

Die Wirksamkeit der Lockdown-Maßnahmen in der zweiten Welle konnte wissenschaftlich verifiziert werden. Die vorgestellten Maßnahmen können nachweislich helfen, die Infektionszahlen zu reduzieren. Auffällig ist jedoch: Im Vergleich zur ersten Welle hat die Wirksamkeit der Maßnahmen im zweiten Lockdown abgenommen. Mögliche Ursachen sind einerseits ein verändertes Verhalten, weil Menschen etwa grundsätzlich eine Maske tragen. Die vollständige Palette der Maßnahmen habe laut Ergebnissen der Oxford-Universität eine Reduktion des durchschnittlichen R-Werts von 3,3-3,8 in der ersten Welle auf 0,7-0,8 bewirkt. In den sieben Ländern habe man in der zweiten Welle eine mittlere Reduktion von nur noch rund 56% (von 1,7 auf 0,7) beobachten können.

Ein weiterer Grund könnten Mutanten sein. Diese waren in den ersten zwei Wellen bisher nicht in dem Maße relevant wie sie es in der dritten Welle sind. Die britische Variante B117 macht laut Angaben des Robert-Koch-Instituts bereits mehr als 75% der Infektionen in Deutschland aus. Dabei gilt diese Variante gemeinhin als ansteckender und ist Gesundheitsexperten zufolge auch für jüngere Leute und Kinder und Jugendliche gefährlich. Hinzu kommt: Ein Großteil der Hochrisikopatienten unter 80 Jahren hat bisher kein Impfangebot erhalten. Diese Kombination spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Die intensivmedizinisch behandelten Corona-Patienten sind im Schnitt 20 Jahre jünger als noch in der ersten Welle. Das spricht zum einen dafür, dass die Impfung wirkt, zeigt aber auch, dass auch jüngere Gruppen gefährdet sind. Auch die 7-Tage-Inzidenz nach Alter, die das RKI veröffentlicht zeigt, dass die Zahlen nicht nur in der gesamten Bevölkerung, sondern vor allem auch bei jüngeren Menschen stark ansteigen.

Ein harter Lockdown – und das hat uns auch Portugal bewiesen – kann also ein wirksames Mittel zur Pandemiebewältigung sein. Die Toleranz und Akzeptanz der Maßnahmen sinkt jedoch, wenn es ein ewiges Hin und Her zwischen Lockdown und Öffnungen gibt. Wirksam wäre also vor allem ein harter Lockdown, der uns ermöglicht, die Infektionszahlen nachhaltig zu senken. Begründete Gegenargumente gibt es jedoch auch hier. Diese möchte ich nächste Woche thematisieren.

Quellen: rki.de, bundesregierung.de, zdf.de, mdr.de, merkur.de, tagesspiegel.de

Sharma, M. et al. (2021): Understanding the effectiveness of government interventions in Europe’s second wave of COVID-19. Abrufbar hier [externer Link]

Titelbild: Charles Deluvio on Unsplash

Politik

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