Squid Games – Blutrausch als Spiegel unserer Gesellschaft?

Squid Games - Blutrausch als Spiegel unserer Gesellschaft?

Die Netflix-Serie Squid Games ist gerade in aller Munde und ist nach nur einem Monat bereits die erfolgreichste Produktion des Streaming-Dienstes, die es bisher gab. Innerhalb von vier Wochen haben mehr als 111 Millionen Menschen die Serie geschaut. Die südkoreanische Produktion reitet auf einer Welle, die bereits seit einiger Zeit beobachtet werden kann: Nicht englischsprachige Formate werden auf den Streaming-Portalen immer populärer. Zuletzt hatten dies etwa die französische Produktion “Lupin”, der spanische Erfolg “Haus des Geldes” oder der südkoreanische Film “Parasite” bewiesen. Doch seinem enormen Erfolg verleiht die Serie nicht nur dem Fremdsprachen-Filmtrend. Der Streaming-Riese Netflix ist an diesem Erfolg nicht ganz unschuldig: Synchronisation in 34 Sprachen, Untertitel in 37 Sprachen – mehr als jede andere Plattform bemüht sich Netflix um ein globales Streaming-Erlebnis. Warum begeistert die Serie so viele Menschen?

Chetraruc / pixabay.com

Worum geht es in Squid Games?

Squid Games erzählt die Geschichte um verzweifelt-verschuldete Glücksspieler. Einer von ihnen ist Gi-Hun. Am Rande des finanziellen Ruins erhält er eines Nachts eine Visitenkarte samt Telefonnummer. Ehe er sich versieht, findet er sich an einem geheimen Ort wieder, wo bewaffnete Männer ihm und 455 anderen Glückspielsüchtigen Anweisungen erteilen. Schnell kommen unangenehme Fragen auf: Wie weit würde jemand für Geld gehen? Und ist das eigene Leben mehr wert als das von Anderen? Schnell wird deutlich: Wer bei diesen Spielen die Regeln verletzt oder verliert, bezahlt mit seinem Leben.

“Sehr arme und sehr reiche Menschen haben eines gemeinsam”, heißt es in Squid Games, “Das Leben macht ihnen keinen Spaß.” Während die Armen nicht wissen, wie sie ihre Familie ernähren können, sind die Reichen vor lauter Überfluss gelangweilt. So kamen auch in Squid Games sehr reiche Menschen auf die Idee, Arme Menschen zu ihrer Belustigung gegeneinander antreten zu lassen. Nur dem Gewinner (oder der Gewinnerin) winken mehrere Millionen als Preisgeld.

Die Ideen zu Squid Games kam dem Drehbuchautor Hwang Dong-Hyuk bereits 2008. Damals sei niemand an der Produktion dieser Serie interessiert gewesen, allen war die Storyline zu brutal und unrealistisch. Dem Wallstreet Journal erzählte der Regisseur und Drehbuchautor später, er habe sogar seinen Laptop verkaufen müssen, um sich etwas zu Essen leisten zu können. Erst die Corona-Pandemie habe die Schere zwischen Arm und Reich so sichtbar werden lassen, dass die Geschichte salonfähig wurde.

Blutrausch als Spiegel der Gesellschaft?

Die Gesellschaft hat sich seit 2008 verändert. Doch wenn man von der Verrohung der Menschheit hört, denkt man nicht in erster Linie an Südkorea. Dennoch findet man die sozialen Probleme der Welt auch in Südkorea wieder. Arbeitsplätze werden wegrationalisiert, ausländische Arbeitskräfte werden ausgebeutet und die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Dr. Sulgi Lie, Film- und Medienwissenschaftler an der Freien Uni Berlin, findet, “was global als soziale Tendenz ähnlich ist, findet sich in der koreanischen Gesellschaft zugespitzter.”

Die Serie kann als Kritik am Kapitalismus verstanden werden: Menschen kämpfen um Leben und Tod, um reich zu werden. Der Psychologe Dr. Eric Bender glaubt, dass man sich insbesondere infolge der Corona-Pandemie gut mit den Teilnehmenden identifizieren könne: Viele Menschen leiden unter den finanziellen Folgen der Pandemie.

»Leute können sich damit identifizieren, nicht Teil der regierenden Klasse, sondern eher Underdogs oder Unterdrückte zu sein.«

Dr. Eric Bender

Psychologe

Auch der südkoreanische Film “Parasite” übte Kritik an der Kluft zwischen Arm und Reich aus und gewann dafür schließlich einen Oscar. Durch Schulden fühle man sich verletzlich, ängstlich und verzweifelt. Jene Verzweiflung ist es, die Menschen aus allen möglichen Milieus in Squid Games dazu bewegt, gegeneinander zu kämpfen. Zwar hätten sie die Möglichkeit, die Spiele zu beenden, sie riskieren aber lieber ihr Leben, anstatt sich mit den Problemen der realen Welt auseinanderzusetzen. Dabei trete die Gewalt in den Hintergrund: Das Publikum habe Mitleid und in gewisser Art und Weise Verständnis für die Teilnehmenden, erklärt Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Praveen Kambam.

Die psychologische Grausamkeit von Kinderspielen

Wenn man einmal darüber nachdenkt, sind Kinderspiele grausam: Beim Stoptanz oder der Reise nach Jerusalem ist plötzlich kein Platz mehr für ein Kind, beim Völkerball werfen die Stärkeren die Schwächeren ab – immer gibt es Gewinner und Verlierer. Das suggeriert: Wenn du verlierst, warst du nicht gut genug.

»Wir tendieren dazu, unsere moralischen Werte zu überschätzen und die Gruppendynamiken zu unterschätzen.«

Dr. Praveen Kambam

Kinder- und Jugendpsychologin

Bei Squid Games gelinge dies besonders clever, meint Dr. Eric Bender: Kinderspiele werden zum Abschlachtparcours. Sie werden damit auf die Erwachsenenwelt umgelagert, sodass für das Publikum die Frage aufkommt: Wie würde ich handeln? “Das ist beängstigend und aufregend zugleich”, findet Psychologin Dr. Kambam.

Hinter der Faszination der Serie auf Kinder und Jugendliche stehen im Wesentlichen zwei Motive;

  1. Der emotionale Kick durch das Überschreiten von Grenzen.
  2. Das gemeinsame Bestehen von extremen Situationen.

Squid Games und ihre Wirkung auf Kinder

In Deutschland hat die Netflix-Serie eine FSK-Altersfreigabe ab 16 Jahren. Doch die blutigen Gewaltszenen, die die Serie zeigt, sind überhaupt nicht das Brutalste. Die drastischen Gewaltorgien, die im Zusammenhang mit dieser Serie oft kritisiert werden, sind nichts Neues mehr. Dass aus eigentlich harmlosen Kinderspielen plötzlich blutige Gemetzel werden, könnte hingegen deutlich auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen schlagen. Eine alltägliche Situation – zum Beispiel das Spielen im Sandkasten – wird durch die Serie plötzlich in Verbindung mit roher Gewalt gebracht.

»Was ein einfacher aber effektiver Trick ist, ist, dass die Serie auf ganz archaische Kinderspiele wie Murmelspielen oder Tauziehen zurückgreift und dass genau aus diesem Setting des Kinderspiels diese Gewalt eskaliert. Nicht die Gewalt selber, sondern diese Spannung zwischen Spiel und Gewalt ist das Interessante an der Serie.«

Dr. Sulgi Lie

Film- und Medienwissenschaftler an der Freien Uni Berlin

Zudem erinnere vieles an der Serie an Computerspiele: das Abzählen von Toten, das wie das Sammeln von Punkten zu werten ist, und die Level-Struktur, bei der man durch das Meistern eines Levels in das nächste aufsteigt. Gefährlich wird dies insbesondere dann, wenn Kinder und Jugendliche anfangen, Szenen nachzuspielen.

Berührungspunkte mit der Serie finden sie etwa direkt auf Netflix, durch “Mundpropaganda” oder auf TikTok. Mehrere Millionen Videos gibt es inzwischen zu der Serie. Eine belgische Schule an der Grenze zu Frankreich schlug jetzt Alarm: Dort haben Kinder das Spiel “Grünes Licht, Rotes Licht” (Kinderspiel: Ochs’ am Berg) nachgespielt. Das Kinderspiel wurde dabei ähnlich wie in der Serie brutal verschärft. Zwar wurden die Verlierer nicht erschossen, aber von den anderen Kindern verprügelt. Auch in anderen Ländern haben Schulen mit dem Erfolg von Squid Games zu kämpfen. Auch in Großbritannien wurden die brutalen Szenen der Serie auf dem Schulhof adaptiert.

Schulpsychologen warnen auch in Deutschland vor derartigen Szenen auf den Schulhöfen. Während einige Bundesländer sich derzeit noch in den Herbstferien befinden, starteten erste Schulen bereits am 18.10.2021 wieder mit dem Unterricht. Dass Spiele nachgeahmt werden und Kinder und Jugendliche damit ihre Grenzen austesten, hält Schulpsychologe Stefan Drewes für wahrscheinlich. Daraus eine Chance zu ziehen, sei eine Aufgabe für die Schulen.

»Die Netflix-Serie behandelt viele verschiedene Themen, geht unter anderem auf die Spaltung verschiedener gesellschaftlicher Schichten ein.«

Stefan Drewes

Schulpsychologe und Leiter des LVR-Zentrums für Medien und Bildung

Quellen: dw.com, film.at, chip.de, ruhr24.de, tagesspiegel.de, gedankenwelt.de, sueddeutsche.de, fielding.edu

Pam Rutledge: The psychological Appeal of Squid Games. [externer Link]

Titelbild: Chetraruc/ pixabay.com

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