E-Learning: Schulen ohne Lehrkräfte.

E-Learning: Schulen ohne Lehrkräfte

Ein Blick auf unsere Schulen lässt viele von uns erschaudern. Nicht einmal jede zweite Schule in Deutschland verfügt über eine funktionierende WLAN-Verbindung. Die Digitalisierung, von der ständig gesprochen wird, hat die Schulen nicht erreicht. Gerade einmal 36% der Schulen verfügen über eine WLAN-Verbindung. Doch nicht nur an digitaler Infrastruktur mangelt es in unseren Schulen: Der Lehrermangel scheint ein ebenso großes Problem zu sein. Gerade in der Pandemie wird deutlich: Sichere Bildungswege erfordern entweder das eine oder das andere: Geteilte Klassen können nur funktionieren, wenn es genug Personal gibt, und digitaler Unterricht ist ohne die technischen Voraussetzungen ebenfalls nicht denkbar. Doch was ist, wenn der Lehrermangel hausgemacht ist? Etwa weil in Zukunft keine Lehrer mehr benötigt werden?

kreatiker / pixabay.com

Die Situation an Schulen

Tausende Lehrkräfte fehlen an deutschen Schulen – Tendenz steigend. Grund hierfür sind insbesondere die steigenden Geburtenzahlen der letzten Jahre sowie die Zuwanderung der vergangenen Jahre. Während jedoch mehr Schülerinnen und Schüler an die Schulen kommen, verlassen immer mehr Lehrkräfte die Schulen und gehen in den Ruhestand. Eine Möglichkeit, mit dem Mangel an Lehrkräften umzugehen, ist die Mehrarbeit vorhandener Lehrkräfte. Ein derartiger Ansatz ist zurzeit in Bayern im Gespräch. Lehrkräfte sollen hier – freiwillig – mehr arbeiten, um so die Stunden der fehlenden Lehrkräfte aufzufangen. 

Anderswo führt der Lehrermangel zu der vermehrten Einstellung von Quer- oder Seiteneinsteigern. Diese sind keine ausgebildeten Lehrkräfte, sie haben in der Regel nicht einmal pädagogische Erfahrungen. Dennoch wirkt das Gehalt attraktiv. Ein aktuelles Beispiel aus Berlin zeigt: Seiteneinsteiger in das Lehramt können bis zu 4.500€ brutto verdienen. Damit ist der Quereinstieg ins Lehramt beinahe attraktiver als die Lehramtsausbildung. Diese beinhaltet fünf Jahre Studium sowie ein 18-monatiges Referendariat. Das Studium wird nicht vergütet, im Referendariat liegt das Einkommen zwischen rund 1.200 und 1.500€.

Doch es ist nicht die Ausbildung, die Schuld daran ist, dass keine Lehrer mehr nachkommen, die den Lehrermangel auffangen. Lehramtsanwärter, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, gibt es an den Universitäten mehr als genug. Der Mangel an Lehrkräften an den Schulen führt jedoch auch dazu, dass die Kapazität für die Referendare nicht mehr gegeben ist. Wer soll neue Lehrkräfte an den Schulen ausbilden, wenn bereits jetzt nicht genug Lehrer vorhanden sind, um die Schülerinnen und Schüler zu unterrichten.

Grund genug, den Lehrermangel immer mal wieder zu bedauern. Die Nachrichten berichten über fehlende Lehrkräfte, ausfallenden Unterricht, wütende Eltern, schlechtere Schüler in der PISA-Studie und viele unbesetzte Stellen an deutschen Schulen. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung könnten in Kürze in Deutschland mehr als 26.000 Grundschullehrer fehlen.

Verständlich erscheint dies nicht, denn „Lehrer“ ist doch ein echt wichtiger Beruf. Auffällig ist jedoch, dass es immer die sozialen Berufe sind, in denen es Arbeitskräftemangel gibt: Erzieher, Lehrer und Altenpfleger. Was ist, wenn der Lehrermangel hausgemacht ist? Wenn man keine Lehrkräfte mehr einstellen möchte, weil man sie in Zukunft schlichtweg nicht mehr benötigen wird?

Schule ohne Lehrer - kann das funktionieren?

Lehrkräfte gehören zur Schule wie der Sand zum Meer. Sie sind Experten für das Unterrichten, gestalten den Unterricht, sind Zuhörer, sollen erziehen und lehren – das war schon immer so und wird auch immer so sein. Oder?

Eine Schule in der kanadischen Provinz Ontario möchte nun beweisen, dass es an der Schule auch ohne Lehrer geht. Mitte Januar berichtete die dortige Tageszeitung, dass die Bezirksregierung vorhabe, das Budget für die Schulen rapide zu kürzen – indem Lehrer durch Computer ersetzt werden. Hierbei handelt es sich keinesfalls um ein Pilotprojekt, denn Ontario orientiere sich dabei an den US-Bundesstaaten Alabama und Arkansas. Ziel dieser Schulen ist der schrittweise Aufbau von Kompetenzen durch E-Learning-Kurse.

In Ontario spielt man darüber hinaus mit dem Gedanken, bis 2024 reine Online-Schulabschlüsse einzuführen. Lehrkräfte würden dadurch überflüssig. Eine Maßnahme, die bis zu 60 Milliarden Dollar im Jahr einsparen könnte. Lehrer werden durch Roboter, Tablets, Online-Plattformen und Videos ersetzt, die den Schülerinnen und Schülern beim Lernen helfen sollen.

Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte “Unschooling”, welches in vielen Kantonen der Schweiz bereits erlaubt ist und praktiziert wird. Gemeint ist der Hausunterricht, bei denen Schülerinnen und Schüler zu Freilernern werden. Kinder und Jugendliche werden dann nicht mehr in Schulen unterrichtet, sie lernen zuhause und ohne Stundenplan. Eltern stehen in der Aufgabe, die Kinder und Jugendlichen beim Lernen zu unterstützen, Fragen zu beantworten und zusätzliche Lerninhalte zu beschaffen. Die Schwerpunkte werden hierbei insbesondere auf das gelegt, was für den späteren Werdegang relevant sein könnte – bei Tierärzten könnte dies Biologie sein, während der Geschichtsunterricht eher verkürzt wird. 

Dieses System ist in Deutschland jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Denn die Schulpflicht, die in Deutschland herrscht, erlaubt den Privatunterricht zuhause nicht. Zwar kann eine Bewilligung eingeholt werden, dies bleibt jedoch die Ausnahme. Deutlich häufiger seien laut Bildungswissenschaftlern jedoch Bildungsverweigerer, die unerlaubt der Schule fernbleiben. Gründe hierfür sind etwa Angst vor Manipulation durch den Staat oder Zweifel am Bildungssystem.

Hausgemachter Lehrermangel

Bleibt also noch die Bewältigung nach nordamerikanischem Vorbild. Dem Lehrermangel durch Digitalisierung zu begegnen, könnte die Lösung für das Problem sein – wenn die digitale Infrastruktur an deutschen Schulen auch nur annähernd bereit dafür wäre. Schülerinnen und Schüler durch individuelle Lernarrangements mit digitalen Medien zu unterrichten, macht flächendeckendes Internet und die nötigen Ressourcen erforderlich.

Doch nicht nur die technischen und materiellen Grundlagen fehlen in Deutschland. Die Idee stößt auch auf menschlicher Seite an ihre Grenzen. In Ontario sorgt das Vorhaben bei den Lehrern für Unmut. Sie sagen, unter den Maßnahmen der Regierung, Geld einzusparen, würden insbesondere die Schülerinnen und Schüler leiden. Und auch die Schüler selber haben ihre Zweifel an dem Vorhaben.

94,5% der Schülerinnen und Schüler missbilligen die Regierungspläne, Lehrer durch E-Learning zu ersetzen 95%
60% der Schülerinnen und Schüler finden die bestehenden Online-Angebote nicht ausreichend 60%
35% der Schülerinnen und Schüler haben Probleme bei der Nutzung der Lernsoftware 35%

Die Umfrage der studentischen Interessensgruppe OSTA-AECO zeigte auch, dass rund 94.000 Schüler in Ontario ihren Highschool-Abschluss nicht bestehen würden, wenn sie dazu verpflichtet wären, Online-Kurse zu belegen.

Dass der derzeitige Lehrermangel also die Einleitung eines digitalen Lehrerersatzes ist, sehe ich nicht. Diese wäre derzeit in Deutschland nicht nur nicht möglich, sie wäre vorallem nicht sinnvoll, weil sie zum derzeitigen Stand der Technik überhaupt nicht das ermöglicht, was in den Bildungswissenschaften derzeit relevant ist. Inklusion, Differenzierung und individuelle Hilfestellungen könnten zwar technisch umgesetzt werden, würden aber gleichzeitig mit dem Verlust sozialer Interaktionen einhergehen, die für den Lernerfolg enorm wichtig sind. Digitalisierung wird – meiner Meinung nach – das Problem des Lehrermangels nicht lösen. Sie wird nicht dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler schlagartig wieder besser in der PISA-Studie abschneiden. E-Learning wird das Problem des Lehrermangels nicht lösen. Es ist Aufgabe der Regierung, dem Lehrermangel zu begegnen. Lehramtsanwärter wie ich sollten sich nicht verunsichern lassen und um ihren Job bangen. Denn dort, wo man meint, nicht auf steigende Geburtenzahlen in sechs Jahren, in denen die Neugeborenen bis ins Schulalter heranwachsen, reagieren zu können, dort, wo nicht absehbar war, dass mit der Zuwanderung tausender junger Flüchtlinge auch der Bedarf an Lehrkräften steigen würde, dort hat man noch nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, dass irgendwann irgendetwas Technisches Lehrkräfte ersetzen könnte.

Macht der Digitalpakt Schulen digitaler?

Omikron und hohe Inzidenzen haben den Ruf nach Distanzunterricht wieder laut werden lassen. Doch die Kultusministerkonferenz hält am Präsenzunterricht fest – Schulen seien sicher und Kinder bräuchten die sozialen Kontakte in der Schule. Distanzunterricht könne all das nicht adäquat ersetzen. Schnell wird klar: Die Entscheidung, die hier getroffen wurde, ist keine infektionsmedizinische, sondern eine politische Entscheidung.

Die Digitalisierung der Schulen ist nicht nur mit Blick auf das E-Learning sinnvoll. In Zeiten der Pandemie könnte ein digitalisiertes Umfeld nützlich sein, etwa um Distanzunterricht oder Wechselunterricht anbieten zu können. Aufgrund der pandemiebedingten Schulschließungen im Jahr 2020 wurde der Digitalpakt Schule noch einmal aufgestockt. Inzwischen umfasst er Fördergelder in Höhe von 6,5 Milliarden Euro.

Doch obwohl die Digitalisierung in der Pandemie wichtiger denn je zu sein scheint, läuft das Abrufen der Mittel eher schleppend. Obwohl seit Mai 2019 Mittel abgerufen werden können, sind – Stand Juni 2021 – gerade einmal 852 Millionen Euro abgeflossen. Weitere 1,4 Milliarden sind bisher beantragt, nicht jedoch ausgezahlt.

Insgesamt sind bisher also erst etwa ein Drittel der finanziellen Mittel für die Förderung der Digitalisierung an Schulen beantragt worden – Ende 2020 lag dieser Anteil noch bei rund 20%. Die Gründe hierfür sind vielseitig: Die Förderverfahren sind kompliziert und nehmen deshalb oft viel Zeit und Arbeit in Anspruch. Hinzu kommen Personalengpässe in der Fachverwaltung. Auch Lieferschwierigkeiten während der Corona-Pandemie hemmen die Digitalisierung an Schulen. So wurden bereits vor den Sommerferien im Jahr 2021 Leihgeräte für die Lehrkräfte in Schleswig-Holstein bestellt, erhalten hat jedoch bisher niemand sein Gerät.

34%
der Gelder beantragt
13%
der Gelder ausbezahlt

Digitalpakt Schule - Stand Juni 2021

Das Antragsverfahren ist aufwändig. Schulen müssen zunächst ein technisch-pädagogisches Konzept ausarbeiten und die digitale Ausstattung benennen, die sie dafür benötigen. Dann leiten Schulen den Antrag an den Schulträger weiter, diese stellen dann einen Förderantrag beim Land – Geld fließt erst, wenn der ganze Prozess abgeschlossen ist. So ist es kein Wunder, dass Schulen noch immer nicht digitalisierter sind als zuvor – und vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass man nicht zurück zum Distanzlernen möchte: Damit eben nicht auffällt, dass man in puncto Digitalisierung der Schulen so einiges verbockt hat.

Viele weitere Beiträge zum Thema E-Learning, Homeschooling und Co findest du im Klärerzimmer (externer Link), einer Themenseite, an der ich ebenfalls mitschreibe.

Quellen: faz.net, beamten-infoportal.de, focus.de, kmk.org, deutsches-schulportal.de, digitalpaktschule.de

Titelbild: kreatiker/ pixabay.com

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