Flutkatastrophe – Zwischen Klimawandel und Wahlkampf

Flutkatastrophe - Zwischen Klimawandel und Wahlkampf

Es regnet. Das tut es ständig, denn ausgerechnet die Monate Mai bis August sind die niederschlagstärksten Monate in Deutschland. Doch diesmal ist es anders. Aus dem Norden zieht kalte Luft über Europa, während vom Mittelmeer warme Luft gen Norden zieht. Dadurch setzte sich ein Tiefdruckgebiet über Mitteleuropa fest, es kommt zu Starkregen mit bis zu 150 Litern pro Quadratmeter an 1 1/2 Tagen – das ist mehr als sonst im gesamten Monat fällt. Flüsse treten über ihre Ufer, es entstehen reißende Ströme, die Straßen, Brücken und Häuser zerstören. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Bayern, Sachsen, der Schweiz und den Niederlanden werden Hunderttausende vorerst obdachlos, Hunderte Menschen sterben. Und noch ist die Gefahr nicht vorüber.

Sind Flutkatastrophen wie diese eine Folge des Klimawandels? Und warum könnte diese Katastrophe auch eine politische sein?

Hans Braxmeier / pixabay.com

Wie kam es zu dieser Flutkatastrophe?

Das Hochwasser in einigen Teilen Deutschlands ist der Ergebnis einer Unwetterserie. Selten zuvor gab es in so kurzer Zeit so viele Superzellen (Unwettergebiete) und so viel Regen wie in der vergangenen Woche. Auf der Nordhalbkugel ist es so warm wie nie zuvor. In Nordamerika wüten Waldbrände und Kanada knackt einen Hitzerekord nach dem anderen. Schuld daran sind ausgeprägte Hochdruckgebiete, die warme Luft aus den Tropen bis hoch in die Polarregionen befördern. Ein solches Hochdruckgebiet lag auch über Russland. Es sorgte dafür dass das Tiefdruckgebiet Bernd über Mitteleuropa festgehalten wurde. Dabei wurden warme und kalte Luft vermischt, wodurch es zu extremen Wetterlagen kam: Die warme Luft aus den Tropen hielt sehr viel Wasser, wodurch es durch die Verwirbelungen mit kühler Luft zu heftigen Niederschlägen kam.

Diese meteorologischen Gegebenheiten wurden durch die morphologische Beschaffenheit Mitteleuropas verstärkt. Die Eifel, die Alpen und das Bergische Land sind teilweise sehr steil und die Täler sind stellenweise sehr tief. Dadurch kann das Wasser schnell zusammenfließen, denn Wasser hat in Verbindung mit der Schwerkraft die Eigenschaft, immer zum tiefsten Punkt zu fließen. Weil die Böden bereits von vorherigen Regenfällen gesättigt waren, konnten sie kein Wasser mehr aufnehmen – es kam zu Überflutungen.

Doch es waren nicht nur die Flüsse, die über ihre Ufer traten. Der Starkregen bildete teilweise neue Ströme, die sich ihren Weg durch die Städte bahnten und dabei alles mitrissen, was sich ihnen in den Weg stellte. Dabei kommt eine unglaubliche Kraft zustande, denn ein Kubikmeter Wasser wiegt bereits eine Tonne. Die Infrastruktur wurde zerstört, Häuser stark beschädigt oder abgerissen, Autos fielen den Fluten zu Opfer, mehr als 150 bestätigte Todesfälle gezählt, noch immer werden Menschen vermisst. Die Schäden bemessen sich in Milliardenhöhe.

Wie kann Wasser derartige Schäden verursachen?

Wasser übt eine enorme Kraft aus – nicht zuletzt wegen der extremen Masse. Probleme, die mit der Flutkatastrophe einhergehen, sind Unterspülungen durch Erosion. Je schneller das Wasser in Bewegung ist, desto größer ist die Kraft, die es auf die Umgebung ausübt. Dabei löst es Sedimente und Gestein und transportierte diese mit sich. Durch anhaltende Strömungen kann es daher zu Unterspülungen kommen wie es etwa bei einer Kiesgrube in Erftstadt bei Köln passiert ist. Dadurch kann es zu Erdrutschen und Einstürzen kommen.

Die Ströme, die durch den Starkregen entstanden, haben eine Fließgeschwindigkeit von mehreren Metern pro Sekunde und sind damit stark genug, um etwas Autos mitzureißen. Auch Bäume wurden entwurzelt. Durch das Mitnehmen großer Gegenstände wird die Zerstörungskraft der Ströme noch größer: Das volle Ausmaß der Schäden wird erst sichtbar, wenn das Wasser sich zurückzieht.

Doch zunächst schien es weitere Probleme geben: Die Steinbachtalsperre bei Euskirchen drohte zu brechen. Hier hatten die immensen Wassermassen zur Überschwemmung des Staudammes geführt. Zwar gebe es eine Flutungsvorrichtung, die bis zu 6.000 Liter pro Sekunde ablassen könne, doch die Entlastung konnte nicht wie geplant am Sonntagnachmittag erreicht werden. Das Wasser, welches über den Damm tritt, erodiert diesen wiederum und hat zu Rissen geführt, die zur sofortigen Evakuierung der im Tal liegenden Gemeinden führten.

Die Flutkatastrophe und der Klimawandel

Eines steht schon jetzt fest: Die Flutkatastrophe der letzten Woche ist die heftigste ihrer Art in der Geschichte Deutschlands. Zwar sind Hochwasser in Deutschland schon häufiger aufgetreten, doch bisher hatte keine Flutkatastrophe ein solches Ausmaß. Sind Flutkatastrophen eine Folge des Klimawandels?

Ein einzelnes Ereignis dem Klimawandel zuzurechnen, ist nahezu unmöglich, denn auch ohne den anthropogen-bedingten Klimawandel gab es schon immer Klimaveränderungen und Extremwetterereignisse auf unserer Erde. Forscher klassifizieren derartige Ereignisse nach ihrer Häufigkeit. Als Jahrhunderthochwasser wird also etwa ein Hochwasser bezeichnet, dass in diesem Ausmaß statistisch gesehen nur einmal in einem Jahrhundert auftritt. Dies kann auch aufgrund natürlicher Klimaschwankungen geschehen. El Niño ist ein solches Phänomen, das etwa alle vier Jahre zur Umkehr der Passatzirkulation zwischen Südostasien und Südamerika führt. 

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Zusammenhang zwischen der Flutkatastrophe und dem Klimawandel geben könnte, ist groß. Die globale Erwärmung, die als wesentliche Folge des anthropogenen Klimawandels gilt, hat jene Wetterlage ermöglicht, die zum Starkregen über Mitteleuropa führte. Nachgewiesen ist auch, dass die Häufigkeit dieser seltenen Wetterlagen seit Beginn der Industrialisierung zugenommen hat. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Intensität und die Häufigkeit von Extremwetterereignissen durch den Klimawandel zunehmen wird. So liegt also zumindest die Vermutung nahe, dass auch diese Flutkatastrophe bereits eine Folge des menschengemachten Klimawandels ist.

Die Flutkatastrophe und der Wahlkampf

Zur diesjährigen Bundestagswahl im September dürfte der Klimaschutz das wichtigste Thema im Wahlkampf sein. Fridays for Future hat das Thema in den Fokus der Gesellschaft, der Medien und der Politik gedrängt und die jetzige Flutkatastrophe beweist, dass auch wir nicht von den Folgen des Klimawandels verschont bleiben. Bereits die jetzige Bundesregierung hat deshalb ein Klimaschutzpaket in die Wege geleitet, welches jedoch nachträglich überarbeitet werden musste. Auch das überarbeitete Klimaschutzpaket stößt jedoch auf Kritik. Die Europäische Union setzt sich ebenfalls mit dem Thema Klimaschutz auseinander und verabschiedete jüngst einen eigenen Klimaschutzplan, der die Ambitionen der jetzigen Bundesregierung noch einmal übertrifft.

In der vergangenen Woche traf eine nie dagewesene Flutkatastrophe Deutschland, die Schweiz und die Niederlande. Plötzlich sind die Auswirkungen des Klimawandels auch in Deutschland klar spürbar. Armin Laschet, der nicht nur Ministerpräsident des betroffenen Nordrhein-Westfalens, sondern auch Kanzlerkandidat der Union ist, besuchte infolgedessen die Flutgebiete und sorgte rund um seinen Besuch für Aufsehen.

»Armin Laschet schafft es in einem Atemzug, etwaige Klimaschutzkompetenz als auch Augenhöhe mit jungen Wähler*innen aus dem Fenster zu werfen. Stark.«

Luisa Neubauer

Klimaschutzaktivistin

Vor einigen Wochen glänzte Laschet mit seiner Aussage »Aus irgendeinem Grund ist das Klimathema plötzlich ein weltweites Thema geworden« in der Talkshow „Anne Will“ mit Unkenntnis und Ignoranz. Auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer kritisierte diese Aussage Laschets.

Die Klima-Lügen des Armin Laschet

Wenige Tage vor der Flutkatastrophe kritisierte der Kanzlerkandidat die Klimapläne der EU als zu forsch. Während die EU eine Frist für Verbrennungsmotoren setzte, sieht Laschet diese Notwendigkeit nicht. Als Ministerpräsident des betroffenen Bundeslandes besuchte Laschet am Donnerstag die Betroffenen vor Ort. Dort gelobte er in einer Ansprache mehr Tempo beim Klimaschutz. Der Klimawandel entstehe nicht in einem Bundesland, sondern sei ein globales Programm. Es entstand der Eindruck, Laschet wolle sich als Bundeskanzler dem Klimaschutz verschreiben.

»Wir werden immer wieder mit solchen Ereignissen konfrontiert werden. Das bedeutet, dass wir bei den Maßnahmen zum Klimaschutz mehr Tempo brauchen.«

Armin Laschet (CDU)

Kanzlerkandidat und Ministerpräsident von NRW

Er wolle den Weg in die Klimaneutralität noch schneller gehen, sagte er den Betroffenen vor Ort. Am Freitag wurde er diesbezüglich in der WDR-Nachrichtensendung konfrontiert. Doch auf die Frage, ob er nun seine Klimapolitik anpassen würde, reagierte er ausweichend und patzig.

»Entschuldigung ... , weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik.«

Armin Laschet (CDU)

Kanzlerkandidat und Ministerpräsident von NRW

Laschets Bundesland ist CO2-Verursacher Nummer 1 in Deutschland

Es ist nicht das einzige Mal, dass Armin Laschet den Bürgern ins Gesicht log. Am Donnerstag versprach er ebenfalls, die Kommunen und die Betroffenen finanziell zu entlasten. Das Land werde Hilfe leisten, damit Nordrhein-Westfalen solidarsich zusammenstehe. Was er an dieser Stelle unerwähnt ließ: Erst 2019 hatte Laschet als Ministerpräsident die Unwetterhilfen in Folge von Überschwemmungen eingeschränkt. Nun steckt Armin Laschet in einer Zwickmühle: Sollte er sein Gesetz von 2019 ausklammern, um schnelle Hilfe zu leisten, könnte ihm das als Griff in die Staatskasse für den eigenen Wahlkampf angelastet werden. Bleibt er jedoch bei der aktuellen Regelung, würden nur Besserverdienende durch Steuererleichterungen entschädigt werden. Das könnte für die CDU, die auf Bundesebene mit dem Slogan „Deutschland gemeinsam machen“ für die Bundestagswahl wirbt, zu Problemen führen. Die CDU sei nicht die Partei des „Entweder-Oder“ erklärte CDU-Generalsekretär Ziemiak.

Am Abend trat Armin Laschet bei Maybritt Illner auf. Dort sprach er auch über den Kohleausstieg, den die jetzige Bundesregierung auf das Jahr 2038 verschoben hatte. Auch Armin Laschet dürfte an dieser Entscheidung maßgeblich beteiligt gewesen sein, denn Nordehein-Westfalen ist geprägt vom Kohleabbau und hat die Kohlekraftwerke mit der höchsten Nennleistung in Deutschland. 52 Kohlekraftwerke hat NRW, erst im letzten Jahr ist mit „Datteln 4“ ein neues Kohlekraftwerk ans Netz gegangen.

Nordrhein-Westfalen (264.648.000 Tonnen) 79%
Bayern (99.828.000 Tonnen) 30%
Baden-Württemberg (89.035.000 Tonnen) 27%

Top 3: CO2-Emissionen nach Bundesländern in Energie und Verkehr (2018)

Zwar konnte Laschets Regierung den CO2-Ausstoß in den letzten vier Jahren um 26% reduzieren (Bundesschnitt: 17%), doch noch immer ist Nordrhein-Westfalen das Land mit den höchsten Emissionswerten. Im Gegensatz zum Bundesschnitt von rund 50% stammen nur etwa 20% des Stroms in NRW aus Erneuerbaren Energien, denn NRW bremst seit jeher den Ausbau der Windenergie und trägt damit maßgeblich zum Klimawandel bei.

Welche Folgen hat die Flutkatastrophe?

Schon jetzt ist erkennbar: Das Hochwasser hat immense Schäden angerichtet und mehr als 100 Menschen das Leben gekostet. Doch auch langfristig bringen Hochwasser Probleme mit sich, etwa weil Felder zerstört wurden und Ernten ausbleiben. Auch wirkt sich das Hochwasser auf die Trinkwasserverfügbarkeit aus. Das Trinkwasser wurde durch die Flutkatastrophe verunreinigt, was zur Trinkwasserknappheit führen und Seuchen begünstigen kann.

Auch die Tierwelt hat unter der Flutkatastrophe gelitten. Klein- und Nagetiere wie Mäuse und Biber sowie Wildtiere können sich oft nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen und verenden in den Fluten. Tieren fehlt kurzfristig ein Nahrungsangebot, was ebenfalls zum Tod führen kann.

Nun liegt es an der Politik, auf die Katastrophe zu reagieren und das wird ein Thema sein, dass uns noch lange nach der Wahl beschäftigen wird, denn durch die Flutkatastrophe rückt der Klimawandel in erschreckende Nähe.

Quellen: tagesschau.de, focus.de, statistikportal.de, fr.de, spiegel.de, zdf.de, welt.de, stern.de, taz.de, tagesspiegel.de

Titelbild: Hans Braxmeier/ pixabay.com

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