Wie verkraften wir Verluste?

Wie verkraften wir Verluste?

Der Tod gehört irgendwie zum Leben dazu. Doch weil Menschen sich immer über ihre Beziehungen zu anderen definieren, bricht für viele jedes Mal eine Welt zusammen, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Nach einer starken Übersterblichkeit in den Wintermonaten sterben laut Statistischem Bundesamt derzeit noch etwas weniger Menschen als in den letzten Jahren zu dieser Zeit.  Die Psychotherapeutin Verona Kast beschreibt in ihrem Vier-Phasen-Modell, wie wir nach dem Verlust eines geliebten Menschen trauern.

Karin Henseler / pixabay.com

Das Trauermodell, das Kast entwickelt hat, beschreibt, dass der Verlust eines geliebten Menschen uns in unserem Weltbild erschüttert. Wir beginnen, einen Verlust zu bedauern, fangen an, zu trauern. Indem wir diesen Verlust seelisch verarbeiten, wandeln wir uns. Wir werden selbstbewusster, treffen andere Entscheidungen und setzen neue Prioritäten.

Phase 1: Der Schockzustand

Zuerst sind wir über den Verlust geschockt. In dieser Phase beginnen wir, den Verlust aktiv zu leugnen, oder den Verlust nicht wahrhaben zu wollen. Oftmals dauert der Schockzustand nur wenige Stunden, maximal ein paar Tage. Herzrasen, Schlaflosigkeit, körperliche Unruhe, Schwitzen und Unwohlsein sind typische Reaktionen eines solchen Schocks. Der Schock ist häufig der Grundbaustein für eine posttraumatische Belastungsstörung.

Den Schockzustand zeichnet eine eher geringe emotionale Beweglichkeit. Gefühle und Gedanken werden verleugnet, die Trauer wird beiseite geschoben. Der Schmerz verdrängt. Der Schockzustand zeigt, dass unsere Psyche mit dem Verlust überfordert ist. Wir schaffen es nicht, eine Krisensituation zu bewältigen. Bleibt es dabei, kann daraus ein psychisches Trauma oder eine posttraumatische Belastungsstörung entstehen.

Phase 2: Emotionsausbruch

Starke Gefühlsausbrüche sind ein völlig normaler Bestandteil der Trauerarbeit. Trauer, Verlustschmerz, Einsamkeit, Wut und Zorn, Angst, Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen sorgen oft für starke emotionale Schmerzen. Das Sicherheitsgefühl geht verloren und die intensiven Gefühlsausbrüche können Freundschaften und Beziehungen erschüttern. Im Extremfall verändern sich Menschen in dieser Phase ins Negative und werden aufgrund ihrer starken Schuldgefühle von Freunden zunehmend gemieden. Man unterscheidet hierbei zwischen der Überlebensschuld, also Schuldgefühlen, weil es einen geliebten Menschen getroffen hat und nicht einen selbst, und der Zuschauerschuld, also Schuldgefühlen, die aufkommen, weil man zwar anwesend war, den Verlust aber in keiner Weise verhindern konnte. Schuldgefühle können dabei zu Depressionen bis hin zum Suizidgedanken führen. Die emotionale Beweglichkeit ist in dieser Phase sehr hoch. Gefühle brechen aus und die Trauer übernimmt die Kontrolle.

Phase 3: Verarbeitung oder Erlebnisaktivierung

Es wird versucht, die Beziehung zu der verlorenen Person wieder stärker zu spüren. Der Trauernde besucht beispielsweise Orte, die er mit der verlorenen Person verbindet, Fotos werden angesehen oder Erinnerungen werden sich wieder ins Gedächtnis gerufen. Im Idealfall verarbeitet man in dieser Phase im inneren Dialog offene Fragen, die man mit der verlorenen Person hatte, um somit Hindernisse beim Fortschritt der Trauerarbeit zu überwinden. Idealerweise hat man sich am Ende dieser Phase innerlich mit der Person versöhnt, sodass keine Spannungen mehr bestehen und man loslassen kann. Der Verlust wird jetzt bewusst wahrgenommen.
Im Extremfall kann dieser Verarbeitungsprozess, der im Kopf stattfindet, aber auch dazu führen, dass man mit dem Verlorenen in einer Art Traumwelt weiterlebt, weiterhin den Tisch für die Person deckt oder sich sogar mit ihr unterhält. Der trauernde Mensch löst sich in diesem Fall von der übrigen Welt und der Wirklichkeit und kann in dieser Phase gefangen bleiben.

Phase 4: Akzeptanz und Neuanfang

Gelingt es, die dritte Phase erfolgreich zu verlassen, so akzeptiert man den Verlust und lässt die verlorene Person zu einer inneren Figur werden, die nicht mehr im realen Leben vorhanden ist. Der Bezug zur Realität und zu anderen Personen wird wieder aktiv gestaltet. Die Erfahrung, dass man einen solch schweren Verlust verarbeiten und bewältigen konnte, ist ein wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit. Es wurde erkannt, dass Verluste zum Leben dazugehören und dass man sie bewältigen kann.

Kritik am Phasenmodell der Trauer nach Kast

Das Vierphasenmodell der Trauer entstand in den 1970er Jahren. In den vergangenen 40 Jahren hat sich jedoch vieles weiterentwickelt und neuste psychologische Erkenntnisse sind noch nicht im Modell enthalten. Obwohl das Modell nicht statisch verstanden werden soll, wird davon ausgegangen, dass diese Phasen von jedem Trauernden durchlaufen werden müssen. Derartige Trauermodelle sind empirisch jedoch nur gering untermauert und es ist mittlerweile nachgewiesen, dass die meisten Menschen individuell mit ihrer Trauer umgehen.
 
Das Konzept des Loslassens scheint jedoch in vielen Trauermodellen ein wesentlicher Bestandteil zu sein. Loslassen entspricht in der Regel aber dem exakten Gegenteil von dem, was die Trauernden innerlich fühlen. Oft wollen sie die Liebe zu einer verlorenen Person nicht loslassen, sondern im Herzen weitertragen. Experten empfehlen daher, die Trauerarbeit in Beziehungsarbeit umzubenennen, da es nicht darum geht, endgültig loszulassen, sondern eine neue Art der Beziehung zu der verlorenen Person aufzubauen.

Quellen: zeit.de, brigitte.de, aspetos.de

Kast, V.: Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses.

Titelbild: Karin Henseler / pixabay.com

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