Schulen und Leistungsdruck: Warum gibt es Noten?

Schulen und Leistungsdruck: Warum gibt es Noten?

Ende Januar gab es für viele Schülerinnen und Schüler Halbjahreszeugnisse. Sie geben einen Zwischenstand im Schuljahr wieder und sollen auf den Leistungsstand der Schülerin oder des Schülers aufmerksam machen. Die ganze Zeit arbeiten die Kinder und Jugendlichen daraufhin, hier gute Noten stehen zu haben. Das gelingt nicht allen. Am Tag der Zeugnisvergabe zittern sie in den Klassenräumen, vergleichen mit ihren Sitznachbarn, einige weinen. Zuhause geht es weiter. Wie beichtet man seinen Eltern, dass es in Mathe doch nicht mehr für die 4 gereicht hat? „Ich habe dir mal die 5 gegeben, damit du für das zweite Halbjahr noch motivierter bist.“ Dafür steht in Geschichte eine 1. Noten sollen Leistungen sichtbar machen. Sie gehören zur Schule, wie das Bier zum Grillabend. Sie sollen helfen, zu vergleichen. Oder warum gibt es Noten?

athree23 / pixabay.com

Warum gibt es überhaupt Noten in der Schule?

Notenskalen gibt es bei der Leistungsbewertung von Schülerinnen und Schülern erst seit Ende des vorletzten Jahrhunderts. Seither haben sich die Ziffernnoten 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) zwar etabliert, ihre teils unreflektierte Findung und Erteilung wird jedoch heftig kritisiert. Die Notengebung verfolgt dabei ganz unterschiedliche Funktionen:

Sozialisationsfunktion

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der das eigene Handeln stets durch Leistungsmotivation geprägt ist. Der soziale Status wird anhand der Leistung bemessen, die jemand erbracht hat. In diese Situation müssen Schülerinnen und Schüler hineinwachsen. Gleichzeitig sollen sie zu eigenverantwortlichen und handlungsfähigen Individuen herangezogen werden. Daher müssen sie mit der Erfahrung konfrontiert werden, dass sich Anstrengung und Leistung auszahlen und entsprechend honoriert werden. 

Rückmeldungs- und Orientierungfunktion

Um Kinder und Jugendliche auf diese Leistungsgesellschaft vorbereiten zu können, müssen sie Kenntnis über Erfolge und Misserfolge erlangen. Die Noten sollen über den Leistungsstand in den unterschiedlichen Fächern Auskunft geben. Mit Hilfe der Noten können sich Schülerinnen und Schüler zudem orientieren, wie sie in der Schule stehen und welche Fähigkeiten sie bereits erlernt haben. Die Orientierung über den eigenen Wissensstand kann nur über den Vergleich erfolgen: Weiß ich mehr oder weniger als andere in meiner Gruppe?

Motivations- und Disziplinierungsfunktion

Noten sollen Kinder und Jugendliche zu guten Leistungen anspornen. Gute Zensuren werden als „Belohnung“ empfunden und so als Motivation verstanden, nicht in den bisherigen Anstrengungen nachzulassen. Schlechte Noten hingegen sollen dazu auffordern, zukünftig bessere Leistungen im Unterricht zu zeigen. Sie sollen als Makel oder „Bestrafung“ empfunden werden und so zu mehr Einsatzbereitschaft motivieren.

Berechtigungs- und Selektionsfunktion

Bildungssystem und Arbeitsmarkt in Deutschland sind geprägt von seinem Berechtigungswesen. Schulabschlüsse und Zeugnisse bestimmen darüber, welche Schulform besucht wird, öffnen die Tür zum Studium oder ermöglichen die Ausbildung in einem bestimmten Beruf. Noten schränken die Möglichkeiten auch ein. Gibt es für eine Stelle mehrere Bewerberinnen und Bewerber, muss nach bestimmten Kriterien selektiert werden. Häufig werden hier Schulnoten und die dahinterstehenden Qualifikationen als Filter verwendet.

Evaluations- und Kontrollfunktion

Schulnoten sollen den Schülerinnen und Schülern Auskunft darüber geben, auf welchem Stand sie sich befinden. Noten melden darüber hinaus aber auch zurück, auf welchem Leistungsstand sich die Klasse befindet. Sie sind somit ein wichtiger Indikator für Lehrkräfte, weil sie Rückmeldung über die Qualität des Unterrichts geben: Was haben die Schülerinnen und Schüler in meinem Unterricht gelernt?

Ja
0%
Nein
0%

Sollen schriftliche Bewertungen anstelle von Schulnoten erfolgen?

Wie Noten gefunden werden...

Natürlich weiß jeder, dass eine 1 besser ist als eine 2. Die Leistungsbewertung wird jedoch erst aussagekräftig, wenn sie Bezugsnormen erhält. Die Benotung orientiert sich an drei Anhaltspunkten: Die soziale Bezugsnorm vergleicht die individuelle Leistung eines Schülers oder einer Schülerin mit der Lerngruppe nach dem Grundsatz: „Gut ist, wer über dem Durchschnitt liegt.“ Die eigene Note ist somit immer auch abhängig von der Lerngruppe – die gleiche Leistung könnte in einer anderen Lerngruppe anders bewertet werden. Dieses Phänomen nennt man auch Fischteicheffekt (Big-Fish-in-a-little-pond). Ein anschauliches Beispiel: Ein Goldfisch ist in einem Teich mit Neon-Fischen relativ groß, geht aber im Teich mit Koi-Karpfen unter. Seine Größe (=Leistung) hat sich nicht verändert, aber die Umgebung ist eine andere. Diese Bezugsnorm wird zwar vielen der oben genannten Funktionen der Notengebung gerecht, stellt Lehrkräfte aber vor ein Problem: Eine bestimmte Leistung kann eben nicht immer mit der gleichen Note bewertet werden.

Bei der individuellen Bezugsnorm gilt: „Gut ist, wer individuelle Fortschritte erzielen konnte.“ Hier können die Leistungen also nicht ohne Weiteres mit dem Rest der Klasse verglichen werden. Hatte Schülerin A in Englisch große Probleme, hat nun aber erheblich aufgeholt, rechtfertigt dies eine bessere Note als bei Schüler B, der das Thema schon zu Beginn gut verstanden hat, bei dem aber am Ende immer noch die gleichen Fragen offen sind. Die Leistung eines Schülers oder einer Schülerin wird also nicht nur mit der Lerngruppe verglichen, sondern auch mit vergangenen Leistungen. Häufig ist die individuelle Bezugsnorm der Grund für Tendenzen, die am Ende darüber entscheiden, welche von zwei Noten im Zeugnis erscheint.

Fakt ist jedoch auch: Am Ende zählt die Leistung, die erbracht wurde. Denn etwa in Klassenarbeiten und Tests werden die gleichen Erwartungen an alle Schülerinnen und Schüler gestellt. Die kriterienorientierte Bezugsnorm orientiert sich am Erreichen bestimmter Kompetenzziele, die etwa in einer Klausur, einem Test oder einer Klassenarbeit abgefragt werden: „Gut ist, wer die Erwartung an den Kompetenzerwerb erfüllt.“ Wurde ein zuvor festgesetztes Lernziel erreicht? Wurde es nur teilweise erreicht? Der Abgleich erbrachter Leistungen mit einem Lernziel führt unweigerlich zu weiteren Fragen und verhindert, dass die zuvor genannten Bezugsnormen greifen: Es zählt nicht länger, wie die Klasse abschneidet und ob eine Entwicklung sichtbar ist, sondern einzig und allein, ob eine zuvor festgelegte Erwartung erfüllt werden konnte.

Noten sind subjektiv...

Noten sind das Ergebnis von Leistungsmessung. Ihre Festlegung muss damit bestimmten Gütekriterien unterliegen. Sie gelten für die Leistungsmessung jedweder Art. Sie sollen gewährleisten, dass Noten möglichst objektiv und genau sind sowie eine Leistung gültig abbilden. Objektivität bedeutet, dass die Note unabhängig von der Person ist – also unabhängig von der beurteilenden Lehrkraft. Noten sollen reliabel sein. Da heißt, dass sie möglichst genau und ohne den Einfluss von Messfehlern abgebildet werden können. Wird dieselbe Leistung zu unterschiedlichen Zeitpunkten gleich gewertet? Das dritte Gütekriterium ist die Validität. Noten sollen genau das abbilden, um das es inhaltlich geht. Es werden Fachkompetenzen gemessen – frei von persönlichen Befindlichkeiten.

Wie soll eine Note reliabel sein, wenn während der Klausur auf dem Schulhof der Laubbläser angeworfen wird? Und wie sollen etwaige Kopfschmerzen während der Prüfung als Messfehler ausgeschlossen werden? Am Ende bilden Noten noch nicht einmal das ab, was gemessen werden soll. Beispiel Sachtextanalyse, Deutschklausur in der 11. Klasse. Abgefragt wird hier offenbar die Kompetenz, einen Sachtext zu analysieren, zum Beispiel hinsichtlich der Argumentationsstruktur. Dabei werden – gemäß Vorgabe – am Ende nur 60% der Note auf diesen inhaltlichen Aspekten basieren. 40% werden von der sprachlichen Qualität beeinflusst – ist also die Rechtschreibung ungenügend, ist in der Klausur bestenfalls noch eine 3+ möglich – auch, wenn die Analyse des Sachtextes einwandfrei erfolgte. Zum Glück erfüllen Noten auch das dritte Gütekriterium nicht vollständig: Sie sind eben nicht objektiv und ermöglichen Lehrkräften so zumindest einen geringen Spielraum.

Quellen: Kostorz: Bewertungsmaßstäbe und Bezugsnormen bei der Notenvergabe unter der Lupe des Schulrechts (2016), notenvergabe.de, degruyter.de, ikg-bo.de, lehrerfreund.de, focus.de

Titelbild: athree23 / pixabay.com

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