Wie wirkt sich der Lockdown auf unsere Psyche aus?

Wie wirkt sich der Lockdown auf unsere Psyche aus?

Die Corona-Pandemie beschäftigt uns bereits seit mehr als einem Jahr. Der ständige Wechsel zwischen Maßnahmen und Lockerungen begleitet uns seit jeher. CDU-Chef Armin Laschet brachte nun einen sogenannten „Brücken-Lockdown“ ins Gespräch. Er soll für zwei bis drei Wochen gelten und die bundesweite Inzidenz wieder unter die 100 drücken.

»Mein Vorschlag war einfach, nochmal mit einer Kraftanstrengung die Inzidenz runter zu bringen, um dann die neuen Möglichkeiten zu haben, auf die die Bürgerinnen und Bürger so hoffen.«

Armin Laschet

CDU-Chef

Die Wirksamkeit strikter Lockdown-Maßnahmen bestätigte jüngst eine Studie der Oxford University, ihre Ergebnisse habe ich bereits im letzten Beitrag vorgestellt. Doch das ewige Hin und Her sorgt auch für Unverständnis und Ablehnung. Obwohl ein Lockdown helfen kann, das Infektionsgeschehen einzudämmen und Fallzahlen zu reduzieren, haben die Maßnahmen auch wirtschaftliche und psychische Folgen.

Anastasiia Chepinska / unsplash.com

Die Folgen des Lockdowns sind vielfältig

Der Lockdown in Folge der Corona-Pandemie verlangt vielen Menschen etwas ab, was für sie eigentlich elementar ist. Abstandsgebote verhindern körperliche Nähe, Kontaktreduzierungen den sozialen Austausch und viele weitere Maßnahmen schränken den Alltag auf ein Minimum an Möglichkeiten ein. Die NAKO-Gesundheitsstudie fand heraus, dass insbesondere Unter-60-Jährige unter erhöhtem Stress litten. Schwer depressive Symptome traten bei 8,8% der Befragten auf. Insbesondere Stress und Angst wurden dabei als Auslöser genannt.

Die erste internationale Studie der Dhaka University Research Society (2020) differenzierte die Auswirkungen des Lockdowns auf den menschlichen Körper noch weiter. Neben Depressionen und Angst führt die Studie Posttraumatische Belastungsstörungen, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, Verwirrung und Halluzinationen sowie Panikattacken als mögliche psychische Auswirkungen des Lockdowns an.

"Schlaf ist die beste Medizin, gerade in Corona-Zeiten!"

22% der Befragten gaben an, meistens Probleme beim Einschlafen zu haben, seitdem Corona-Maßnahmen ergriffen wurden. Knapp 44% gaben an, manchmal Probleme beim Einschlafen zu haben. Hinzu kommen 2,4%, die nahezu immer Probleme beim Einschlafen hätten. Ursache der Schlafstörungen sind wiederum Ängste und Sorgen – vor einer ungewissen Zukunft und der eigenen Gesundheit. Der daraus entstehende Schlafmangel begünstigt gleichzeitig andere Folgen des Lockdowns und führt zu Müdigkeit, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und depressiven Verstimmungen. Gesundheitsexperten warnen, dass fehlender oder mangelhafter Schlaf das Unfallrisiko erhöhen, Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen begünstigen sowie psychische Leiden und ein erhöhtes Demenzrisiko nach sich ziehen kann. „Schlaf ist die beste Medizin, gerade in Corona-Zeiten“, sagt Dr. Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, „Auch das Immunsystem wird im Schlaf gestärkt.“

Lockdown schränkt auch körperliche Aktivität ein

Der Lockdown hat darüber hinaus auch Einfluss auf unsere körperliche Aktivität. Fitness-Studios und Sportvereine sind, wenn überhaupt, nur eingeschränkt erlaubt, Homeoffice und Distanzlernen haben zufolge, dass viele noch nicht einmal das Haus verlassen. Die Möglichkeiten der physischen Aktivitäten wurde durch den Lockdown eingeschränkt. Die Studie der Dhaka University zeigt, dass das Auswirkungen auf den Körper und die Psyche haben kann.

Physical work weight table (Quelle: DURS)

Die Tabelle differenziert die körperliche Arbeit in verschiedenen Bereichen in drei Altersgruppen und vergleicht Daten vor der Corona-Pandemie („pre Covid-19“) mit Daten während des Lockdowns („during Covid-19“). Auffallend ist, dass die körperliche Aktivität in allen Altersgruppen in nahezu allen Bereichen durch die Corona-Pandemie eingeschränkt wurde. Lediglich in der Gartenarbeit und der Hausarbeit ist der Anteil der physischen Arbeit gestiegen.

Zusammen mit einem veränderten Ernährungsmuster hat dies zufolge, dass die Fälle von Übergewicht durch den Lockdown zunehmen. Die Studie zeigt, dass zwar nicht mehr gegessen wird, der Anteil an ungesundem Essen jedoch zugenommen hat. Psychologen haben herausgefunden, dass das Ernährungsmuster den psychologischen Zustand eines Menschen reflektieren kann. Übergewicht, Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sind die Folge.

Psychische Konsequenzen sind schwerwiegend

Psychische Konsequenzen sind die häufigste Folge des Lockdowns. Insbesondere die Angst um die eigene Gesundheit und vor der ungewissen Zukunft begünstigen Depressionen und Stress. Begünstigt durch das Hin und Her in den Corona-Maßnahmen und der gefühlten Ungerechtigkeit, weil anderen ihr Job und ihre finanzielle Sicherheit weiterhin erhalten bleiben, steigt die psychische Belastung. Durch die Einschränkungen der Freizeitmöglichkeiten, die der Lockdown verursacht, empfinden viele Menschen häufiger Langeweile als je zuvor. 36,6% der Befragten gaben an, dass die erhebliche Langeweile sie häufiger dazu veranlasst, etwas Dummes zu tun.

Influence of boredom (Quelle: DURS)

7,3% der Befragten gaben an, dass daraus sogar selbstverletzendes Verhalten resultierte. Bei 19,5% wirkte sich der Lockdown negativ auf das Verhältnis zur eigenen Familie aus. Grund hierfür könnte auch sein, dass 56% der Befragten angaben, dass bereits Kleinigkeiten ausreichten, um sie wütend zu machen. 24,4% gaben an, dass der Lockdown sie sogar gewaltbereiter mache.

Häusliche Gewalt in Familien und intimen Partnerschaften

Der Weiße Ring ist eine internationale Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien. Bereits im letzten Jahr verzeichnete die Hilfsorganisation 10% mehr Fälle. Die Betroffenen meldeten häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt und Körperverletzung. Der Weiße Ring führt diesen Anstieg auf die Corona-Maßnahmen zurück.

»Der Lockdown führt dazu, dass wir in einer Phase zunehmender Gereiztheit miteinander leben.«

Jörg Ziercke

Bundesvorsitzender des Weißen Rings

Die Beschränkungen, die oftmals beengten Wohnverhältnisse sowie Kurzarbeit oder Jobverlust und ein fehlendes Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche trage dazu bei, dass die Fälle von Gewalt in Familien zunehmen. „Unsere Erfahrung ist, dass sich häusliche Gewalttaten nicht sehr schnell in Zahlen niederschlagen. Das kommt erst nach und nach“, sagt Ziercke weiter. Dass sich dennoch ein Anstieg der Fälle verzeichnen lässt, bestätigt auch der Deutsche Kinderschutzbund. Die Beratungsgespräche an Sorgen- und Elterntelefonen nähmen in den Zeiten härterer Lockdown-Maßnahmen zu, berichtet etwa Carsten Nöthling vom Deutschen Kinderschutzbund Thüringen.

Wer leidet besonders unter den Belastungen?

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gelten für alle Menschen gleichermaßen. Dennoch hat der Lockdown unterschiedliche Auswirkungen auf unterschiedliche Teile der Bevölkerung. Unterschiedliche Studien untersuchten die Häufigkeit psychischer Auswirkungen durch die Corona-Pandemie an verschiedenen Personengruppen.

Die US-amerikanische Studie von McGinty et al. (2020) zeigte etwa auf, dass die psychische Belastung bereits im ersten Monat der Pandemie (April 2020) deutlich erhöht im Vergleich zu vorherigen Jahren war. Besonders betroffen waren demnach Frauen, Menschen mit niedrigem Haushaltseinkommen und junge Menschen, während eine andere Untersuchung herausfand, dass Über-55-Jährige eine deutlich geringere Erhöhung verzeichneten (vgl. z.B. Röhr et al.). Überraschend sind diese Ergebnisse insbesondere vor dem Hintergrund, dass ältere Menschen als Hochrisikopatienten eingestuft werden und oftmals einen schlimmeren Verlauf bei einer Covid-19-Infektion verzeichnen. Doch begründen lässt sich dieses Ergebnis durch die hohe Lebenserfahrung Älterer, die zu einer anderen Art von Schutzmechanismus führt (sogenanntes „Scoping“).

Wissenschaftler wie Sharma und Borah (2020) oder Bryant et al. (2020) fanden ebenfalls heraus, dass ein geringes Haushaltseinkommen einen Anstieg der psychischen Probleme verstärken kann. Dabei dürften insbesondere die Angst vor einer ungewissen Zukunft und die finanzielle Unsicherheit eine wichtige Rolle spielen. Diese führen zu existenziellen Ängsten und sorgen für ein erhöhtes Risiko der häuslichen Gewalt.

In ihren Untersuchungen fanden etwa Vera Clemens et al. (2020) heraus, dass die psychischen Probleme bei Kindern und Jugendlichen im Laufe der Pandemie zunahmen. Insbesondere Schulschließungen und der Wegfall außerfamiliärer Kontakte begünstigten die Belastung der Kinder und Jugendlichen. 

Fazit: Der Lockdown hat weitreichende Folgen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Lockdown weitreichende Folgen hat. Während die wirtschaftlichen Auswirkungen hier unerwähnt blieben, können die Maßnahmen zwar dazu beitragen, die Infektionszahlen zu reduzieren, sie haben aber auch starke Auswirkungen auf die Psyche der Menschen und begünstigen Gewalt und sexuellen Missbrauch. Dabei können die Corona-Maßnahmen vorhandene psychische Belastungen verstärken oder psychische Probleme hervorrufen und begünstigen. Das Lernen auf Distanz, Kontaktreduzierungen und Homeoffice führen außerdem dazu, dass psychische Belastungen, Gewalterfahrungen und Übergriffe häufiger unentdeckt bleiben. Einer Studie des Deutschen Jugendinstituts ist zu entnehmen, dass 40% der Gewaltfälle gegenüber Kindern und Jugendlichen durch Einrichtungen wie Kitas und Schulen bemerkt und aufgedeckt werden. Durch die Schließung von Kitas, Schulen und Vereinen fallen blaue Flecken oder Verhaltensauffälligkeiten seltener auf, sodass die Kontrolle in dieser Hinsicht ausbleibt.

Die psychische Belastung durch Schließungen begünstigt zudem Gewalt und Gereiztheit und führt dazu, dass im familiären Umfeld zusätzlicher Druck entsteht, was wiederum psychische oder körperliche Schäden mit sich ziehen kann.

Das internationale Handzeichen für Hilfe (Quelle: CC-BY-SA by Josh Burleton)

Quellen: mdr.de, tagesschau.de, apotheken-umschau.de, gesundheitsforschung-bmbf.de, helmholtz.de, aerztezeitung.de, aerzteblatt.de

Bryant D., M. Oo und A. Damian (2020): The rise of adverse childhood experiences during the Covid-19 pandemic. Psychol Trauma 12(S1): S. 193–S194.

Clemens, V. et al. (2020): Childhood adversities and later attitudes towards harmful parenting behaviour including shaking in a German population-based sample. Child Abus Rev 29(3): S. 269–281

Dhaka University Research Society [DURS] (2020): Psychological Impact of Lockdown: A study to analyze the human psyche due to the prolonged lockdown caused by Covid-19. [externer Link]

McGinty, E. et al. (2020): Psychological Distress and Loneliness Reported by US Adults in 2018 and April 2020. [externer Link]

Riedel-Heller, S. et al. (2020): COVID-19-Pandemie trifft auf Psyche der Bevölkerung: Gibt es einen Tsunami psychischer Störungen? [externer Link]

Sharma, A. und S. Borah (2020):Covid-19 and domestic violence: an indirect path to social and economic crisis. J Fam Viol.

Titelbild: Anastasiia Chepinska [externer Link] on Unsplash [externer Link]

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