Ein Leben nach Corona

Ein Leben nach Corona

Viele wünschen sich Normalität zurück – das merken wir ganz deutlich: Die Wünsche nach einem Weg aus dem Lockdown, der Traum vom Urlaub zu Ostern und das Schwinden der Akzeptanz für Lockdown-Maßnahmen zeigen es. Der Virologe Hendrik Streeck veröffentlichte im Februar gar ein Buch mit dem Titel „Hotspot: Leben mit dem neuen Coronavirus“. Doch noch immer hat die Pandemie uns fest im Griff: Fallzahlen steigen, der Fortschritt beim Impfen läuft nur schleppend und es kommen täglich Meldungen hinzu, die verdeutlichen: Der Weg zurück zur Normalität wird lang! Wie sieht das Leben nach Corona aus und wie kommen wir dorthin?

geralt / pixabay.com

Unterschiedliche Szenarien denkbar

Das Zukunftsinstitut, welches sich mit Trends- und Zukunftsforschung in Deutschland beschäftigt, hat insgesamt vier Szenarien entwickelt. Diese prognostizieren ganz unterschiedliche Entwicklungen nach der Pandemie, die ich in diesem Absatz kurz vorstellen möchte.

Isolation

Die erste deutliche Reaktion auf das Coronavirus in Deutschland war der Shutdown: Schulen wurden geschlossen, Geschäfte dicht gemacht, viele Unternehmen stellten ihre Produktion ein. Grenzen wurden dicht gemacht und die Reisefreiheit stark eingeschränkt. In diesem Szenario haben wir uns an die totale Isolation gewöhnt. Wir sind vorsichtiger und distanzierter geworden. Handelsabkommen mit einzelnen Staaten würden die Versorgung gewährleisten.

System-Absturz

Scheuklappen auf und los: Jeder kümmert sich um sich. Internationale Handelsabkommen sind aufgekündigt und die Fokussierung auf eigene Interessen steht im Vordergrund. Anhaltende Grenzschließungen sorgen für Versorgungsknappheit und Hamsterkäufen. 

Rückbesinnung

Lokale Strukturen und regionale Erzeugnisse rücken in den Fokus. Die globalisierte Gesellschaft ist der große Verlierer der Corona-Krise. Deutschland setzt verstärkt auf Selbstversorgung. 

Flexibilität

Wir lernen aus unseren Fehlern und gehen gestärkt in die Zukunft. Wie auch immer sich die Situation entwickeln wird, Gesellschaft und Politik sind flexibler geworden. Es sind moderne Geschäftsmodelle entstanden und die Wirtschaft wächst weiter.

Meiner Meinung nach driften diese vier Szenarien jedoch zu sehr in die Extreme ab und ein moderates Mittel fehlt. Steht auf der einen Seite der Super-GAU hinsichtlich Gesellschaft und Wirtschaft, findet sich auf der anderen Seite das stabile Wachstum der Wirtschaft wider. Angesichts der bereits jetzt sehr gespaltenen Gesellschaft kann ich mir ebenfalls mehrere Szenarien vorstellen, die sich jedoch nur zum Teil mit den Szenarien des Zukunftsinstituts decken.

Leben mit Corona

Realistischer finde ich, dass das Coronavirus ähnlich wie andere Erkrankungen zum Alltag gehören wird. Inzwischen gibt es mehr als einen Impfstoff gegen Covid-19, das Coronavirus wird sich jedoch in der Gesellschaft festsetzen. Unentdeckte und verschleppte Infektionen sowie die Mutation der Viren führen zu einer Corona-Saison ähnlich der Influenza. Das Coronavirus kehrt periodisch wieder, schränkt unseren Alltag aber nicht mehr derartig ein. Die Wirtschaft erholt sich und wird durch künftige Corona-Wellen nicht mehr nennenswert beeinflusst.

Unabhängig von der Entwicklung des Coronavirus könnte unsere Gesellschaft in diesem Szenario vorsichtiger geworden und zunehmend von Distanz geprägt sein. Zur Begrüßung wird sich nicht mehr die Hand gegeben und Hygienemaßnahmen genießen weiterhin höchste Priorität. Die Corona-Krise könnte das Bargeld als Zahlungsmittel verdrängen und die Digitalisierung wesentlich vorantreiben. Flugreisen würden gemieden und es würde vermehrt auf Regionalität und Nachhaltigkeit geachtet. Billigfleisch wird nicht länger produziert und verkauft werden und es wird sich stärker für hygienische und qualitative Arbeitsbedingungen in allen Branchen eingesetzt. Fleisch wird infolgedessen deutlich teurer.

Es gibt jedoch auch ein gegenteiliges Szenario: In diesem Worst-Case-Szenario führen die schnellen Lockerungen und die leichtsinnigen Corona-Leugner immer wieder zu einem erneuten Anstieg der Krankheitszahlen. Deutschland hat mit weiteren, viel stärkeren Krankheitswellen zu kämpfen, sodass die Kapazität der Intensivstationen komplett ausgereizt werden muss. Um das Virus in den Griff zu bekommen, wird das gesellschaftliche Leben erneut komplett runtergefahren. Schulen und Geschäfte schließen wieder und es werden Ausgangssperren verhängt. Die gesellschaftliche Zufriedenheit sinkt und es kommt häufiger zu unerlaubten Demonstrationen. Bei einer weiten Verbreitung steigt die Chance einer erneuten Mutation, die irgendwann gegen die bisherigen Impfstoffe immun sein könnte.

Wann können wir zur Normalität zurückkehren?

Der Wunsch nach Normalität ist deutlich spürbar. Lockerungen sollen uns das Gefühl von Freiheit geben und viele nehmen es dankbar an. Es ist wie im Sommer des letzten Jahres: Die Fallzahlen waren auf einem abfallenden Niveau, es wurde gelockert und die Zahlen stiegen wieder, führten gar in die nächste, noch schlimmere Welle. An einem ähnlichen Punkt stehen wir gerade: Es wird gelockert. Doch diesmal starten die Fallzahlen bei einem höheren Niveau und mit einer deutlich ansteckenderen Variante.

Dennoch sehnen wir uns nach Normalität, wollen jedes Bisschen in uns aufsaugen und jede Sekunde genießen, die wir nicht im Lockdown verbringen. In den Schulen, den Geschäften, am liebsten auch in der Gastronomie oder im Flieger nach Mallorca. Letzteres soll in den Osterferien wieder möglich werden. Eurowings hat bereits 300 zusätzliche Flüge nach Palma de Mallorca angekündigt. Es warten Sommer, Sonne, Strand und Meer, Sangria, Shopping und Erholung – ohne Quarantäne oder anschließende Testpflicht für Reiserückkehrer.

Während einige diesen Hauch von Normalität in vollen Zügen ausnutzen wollen, geht das anderen zu schnell. Auch Epidemiologe Karl Lauterbach warnte immer wieder vor verfrühten Öffnungen und verurteilt die Entscheidung, Osterurlaub im Ausland zu erlauben. Auch Politiker wie Markus Söder fordern eine Testpflicht für Reiserückkehrer.

Eine Rückkehr zur Normalität für alle wird in diesem Jahr wohl eher nicht mehr erreicht werden. Zu schleppend laufen die Impfungen in Deutschland. Lauterbach: »Wenn wir mit den Impfungen Erfolg haben, könnten wir um weitere Lockdowns herumkommen. Aber 2021 ist die Pandemie keinesfalls zu Ende. Wir werden auch 2022 zu kämpfen haben. Dann kann man wirklich allerfrühestens auf eine Art Normalität hoffen.« Bis Ende Sommer soll allen Menschen in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden können. Dadurch kämen wir der Normalität zumindest ein ganzes Stück näher.

Quellen: merkur.de, tagesschau.de, deutschlandfunk.de, rki.de, bundeshesundheitsministerium.de

Titelbild: geralt/ pixabay.com

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