Ist es okay, in diese Welt Kinder zu setzen?

Ist es okay, Kinder in diese Welt zu setzen?

Statistisch gesehen kommen die meisten Kinder im Sommer zur Welt. Was gibt es Schöneres als strahlenden Sonnenschein, wenn der kleine Sonnenschein das Licht der Welt erblickt? Während im Jahr 1960 noch der März der geburtenreichste Monat war, hat der Juli inzwischen diesen Platz übernommen. Auch ist eine neue Debatte entbrannt: Ist es noch okay, Kinder in diese Welt zu setzen? Mit dieser Frage setzt sich etwa Jenni auf ihrem Blog (externer Link) auseinander. Die Frage nach Kindern gibt es schon lange, doch hat sie inzwischen eine neue Dimension angenommen. Stand früher noch die Frage “Will ich Kinder?” im Raum und dem Karrierewunsch und die Kosten gegenüber – schließlich kostet ein Kind bis zum Erreichen des 18. Lebensjahres im Schnitt 148.000 Euro. Mittlerweile ist die Frage inzwischen immer häufiger: “Will ich in dieser Welt Kinder?”

Mit Corona, Querdenkern, Polizeigewalt gegen BPOC und dem Klimawandel scheint diese Welt zur Zeit nicht die besten Voraussetzungen für das Heranwachsen eines kleinen Kindes zu bieten. Die Welt erscheint düster, die Zukunft wenig hoffnungsvoll. Kann man in diese Welt noch Kinder setzen?

esudroff / pixabay.com

Die Entwicklung der Geburten in Deutschland

Nach dem zweiten Weltkrieg verzeichnete Deutschland eine steigende Geburtenrate. Gesellschaftswissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch vom Babyboom. Bis in die 1960er Jahre stieg die Fertilität – auch in Deutschland. Infolgedessen kam es zu einem starken Bevölkerungswachstum. Mit Einführung der Anti-Baby-Pille 1961 brach die Geburtenrate jedoch Mitte der 70er Jahre ein. Durch politische Regulation manifestierte sich in der DDR das Bild der “Gebärmaschine”, wodurch die Geburtenrate sehr schnell anstieg, währen die Geburtenrate in der BRD weiter sank. Nach dem Fall der Mauer erhielten ostdeutsche Frauen erstmals die Möglichkeit, einen Job auszuüben, wodurch die Geburtenrate im Osten Deutschlands einbrach. Erst um 2005 glichen sich die Geburten in Ost und West einander an.

Statistisches Bundesamt 2021

Nach Erreichen eines zwischenzeitlichen Hochs von 1,59 Geburten pro Frau im Jahr 2016 sinken die Geburtenzahlen seitdem kontinuierlich. Könnte dies eine Folge der Entwicklungen in der Welt sein? Kinder in die aktuelle Welt zu setzen, sei unverantwortlich, findet etwa der 27-jährige Raphael Samuel, der deshalb seine Eltern verklagte. Er begründete den sogenannten Anti-Natalismus.

»Jeder in der Welt soll begreifen: Wir sind ohne unsere Zustimmung geboren worden.«

Raphael Samuel

Philosoph, Anti-Natalist

Wirkt die Pandemie sich auf die Geburtenzahlen aus?

Dieser Frage widmete sich auch eine Umfrage des Statistischen Bundesamtes. Während des ersten Lockdowns – und die neun Monate danach – wurde untersucht, ob es mehr Schwangerschaften gab als im Vorjahresvergleich. Analysiert wurden deshalb die Geburten im Zeitraum von Dezember 2020 bis Februar 2021. Haben die Menschen im Lockdown mehr oder deutlich weniger Kinder gezeugt?

Voraussichtlich 0,8% mehr Geburten als im Vorjahreszeitraum konnten bei dieser Untersuchung gezählt werden. Das läge im Bereich normaler, wiederkehrender Schwankungen. Es konnten also keine spürbaren Auswirkungen der Pandemie auf die Geburtenrate in Deutschland festgestellt werden. Auch in Norwegen, Schweden und den Niederlanden konnten die Statistischen Bundesämter keinen Rückgang der Geburten feststellen.

Anders sieht das in Österreich, Spanien und Frankreich aus, wo ebenfalls die Geburten im Vergleich zum Vorjahr untersucht wurden. Spanien verzeichnete im Januar 2021 rund 20% weniger Geburten als noch im Januar 2020. Damit sank die Geburtenzahl auf den historisch niedrigsten Monatswert. Auch in Frankreich erreichten die Geburtenzahlen im Januar 2021 den niedrigsten Monatswert der Nachkriegszeit

Wie lebenswert ist die Welt für Kinder noch?

Um die Frage zu klären, wie lebenswert unsere Welt ist, müssen wir zunächst einen wichtigen Grundsatz begreifen: Wir sind lediglich Gäste auf diesem Planeten – wir leben hier zur Miete. Und wir sind für den Planeten, auf dem wir leben, verantwortlich. Der anthropogene Klimawandel sowie die Ressourcennutzung durch den Mensch werden sich zu Jahrhundertaufgaben entwickeln und maßgeblich daran mitwirken, wie lebenswert der Planet auch in Zukunft noch sein wird. Unser Handeln in der Gegenwart hat unumkehrliche Konsequenzen in der Zukunft. Man könnte dies bildlich wie einen kleinen Stein darstellen, der im Wasser trotz seiner geringen Größe enorme Kreise schlagen kann. Ein Beispiel:

Wenn ich heute eine Mücke erschlage, könnte ich damit verhindert haben, dass diese Mücke einen Erreger überträgt, der sich pandemieartig ausbreitet. Oder komplexer: Der Zigarettenstummel, den ein Wanderer in den Wald geschmissen hat, führte dazu, dass ein kleines Waldstück abbrannte. Dadurch konnte jedoch die Ausbreitung des Borkenkäfers in diesem Wald verhindert werden, der zum großflächigen Waldsterben geführt hätte.

Wenn wir uns also heute die Frage stellen, ob unsere Kinder auf dieser Welt noch ein schönes Leben haben könnten, sind wir zu einem Teil dafür verantwortlich, wenn wir diese Frage mit “Nein!” beantworten. Wir haben durch unser Verhalten zum Ausstoß von CO2 beigetragen, welches hauptverantwortlich für den Klimawandel ist.

Aber ganz so einfach ist das nicht: Nicht alle Probleme dieser Welt lassen sich auf das Individuum herunterbrechen. Die Polizeigewalt aus rassistischen Motiven können wir doch nicht beeinflussen, oder?

Darüber lässt sich streiten. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das Sichtbarmachen dieses Problems – wie es nach dem Tod von George Floyd in der Black Lives Matter-Bewegung geschah – ist nur der erste Schritt. Diese Missstände offen und aktiv zu bekämpfen wäre der nächste. Doch dafür braucht es politische Akteure, die etwa Untersuchungen zu rechtsradikalen Strukturen in den Behörden einführen. Die wiederum können wir wählen – bei der Bundestagswahl im September.

Der Klimawandel scheint unaufhaltsam. Die Flutkatastrophe hat die Folgen des Klimawandels erfahrbar gemacht. Extremwetterereignisse werden in Zukunft häufiger und intensiver ausfallen, weil das Klimasystem träge ist. Selbst wenn wir ad hoc aufhören würden, CO2 freizusetzen, würde der Klimawandel zunächst weiter andauern. Doch auch dagegen kann etwas getan werden – auf individueller, regionaler oder politischer Ebene. Muss man sich bei all dieser Verantwortung auch die ethische Frage stellen: Möchte ich dazu beitragen, dass noch ein ressourcenhungriger Mensch mehr auf diesem Planeten sein Unwesen treibt?

Natürlich sind die Aussichten nicht gerade rosig. Doch mit einer “Ist mir egal”-Haltung können wir das nicht ändern. Wer also der Meinung ist, diese Welt sei zu schlimm, um Kinder zu gebären, sollte lieber etwas tun, um das zu ändern, statt die eigenen Eltern zu verklagen – die im Fall Raphael Samuel übrigens beide Anwälte sind.

Die Welt braucht Kinder!

Deutschland und die Welt sind auf Kinder angewiesen. Sie sind unsere Zukunft – nicht zuletzt, weil sie Probleme lösen müssen, die wir ihnen geschaffen haben. Doch mit dem Fortschritt werden unsere Kinder immer mehr Möglichkeiten finden, um die Probleme anzugehen. Sie werden Wege finden, den Klimawandel zu stoppen, den Ausstoß von Emissionen zu reduzieren und mit den Auswirkungen des Klimawandels zu leben.

Unsere Bevölkerung ist auf Geburten angewiesen. Ein Blick auf die demographische Verteilung innerhalb Deutschlands offenbart die Generation Babyboom, die inzwischen über 80 Jahre alt ist. Ihr folgten deutlich weniger Geburten, sodass wir in Deutschland eine alternde Gesellschaft beobachten. Hier liegt auch das Problem unseres Rentensystems: Immer weniger junge Menschen müssen immer mehr alte Menschen mitversorgen.

(CC) einfach-rente.de

Um diese gesellschaftliche Entwicklung aufzuhalten, benötigt Deutschland entweder mehr Geburten oder eine hohe Zuwanderung. Rund 2,1 Kinder müsste jede Frau im Schnitt bekommen, um dem demographischen Wandel entgegenwirken zu können.

Doch das Kinderkriegen soll hier nicht als gesamtgesellschaftliche Verantwortung stehenbleiben. Kinder bereichern das Leben. Sie können Gefühle hervorrufen, die man zuvor nicht kannte. Muttergefühle, Vatergefühle. Die strahlenden Augen eines Kindes und das ansteckendste Lachen der Welt.

Fakt ist: Irgendjemand muss die Zukunft gestalten, in der wir leben werden. Wir werden nicht ewig in der Lage sein, das selbst zu tun. Horrorstorys von einer ungewissen Zukunft sollten uns also nicht davon abhalten, Kinder zu kriegen. Sie sollten viel eher dazu beitragen, zu sagen: Mit meinem Kind lege ich unsere Zukunft in gute Hände. Es braucht junge Menschen, die unsere Ideen weiterdenken, verbessern und durch neue ersetzen. Es muss Menschen geben, die sich für das Gute auf unserem Planeten starkmachen, wenn wir es nicht mehr tun können. Ist das egoistisch? Zu sagen: Wir haben’s verbockt, ihr müsst das ausbügeln? Vielleicht. Doch war es genau so schon immer. Schon immer wurde einer Generation die Welt der vorherigen Generation übergeben. Immer haben junge Menschen die Lasten der Älteren zu tragen und zu sehen, wie sie damit umgehen. Das wird wohl immer so bleiben, wenn eine neue Generation das Ruder übernimmt. Und bis es soweit ist, können wir alles daran legen, diese Erde lebenswerter für unsere Kinder zu machen.

Quellen: destatis.de, mehralsgruenzeug.de, welt.de

Titelbild: esudroff/ pixabay.com

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