Inklusion – Eine Schule für alle Kinder

Eine Schule für alle Kinder -
kann Inklusion gelingen?

Erst 2009, als Deutschland die UN-Behindertenrechtskonventionen ratifizierte, wurde Inklusion zum Muss an deutschen Schulen. Dadurch erhalten auch Menschen mit Behinderungen einen gleichberechtigten Zugang zu inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen. Inklusion bedeutet also, dass Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam beschult werden. 

Einen solchen besonderen Förderbedarf haben Kinder etwa, wenn sie…

  • eine Seh- oder Hörbeeinträchtigung haben.
  • Schwierigkeiten beim Lernen haben.
  • Schwierigkeiten beim Sprechen haben.
  • körperlich oder motorisch beeinträchtigt sind.
  • eine chronische Krankheit haben.
  • in ihrer emotionalen Entwicklung oder in ihrem Sozialverhalten auffällig sind.
  • autistisches Verhalten zeigen.

Doch können Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam beschult werden, ohne dass dabei Nachteile für eine Seite entsteht?

Thorsten Bareuther / unsplash.com

Was ist Inklusion?

Inklusion sichert allen Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten zu. Laut Artikel 1 der UN-Behindertenrechtskonvention soll Inklusion »den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen […] fördern, […] schützen und […] gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde […] fördern.«

An Schulen meint Inklusion die gemeinsame Beschulung aller Kinder und Jugendlichen ungeachtet ihrer Behinderung oder eines etwaigen Förderbedarfs. Damit übersteigt Inklusion den Integrationsgedanken, indem Grenzen zwischen den Gruppen aufgelöst werden und eine gemeinsame Gruppe entsteht.

Zuckerschneggle / pixabay.com

Damit Inklusion an Schulen gelingen kann, braucht es deshalb ein starkes Miteinander aller Beteiligten. Schülerinnen und Schüler mit und ohne Förderbedarf sowie Lehrkräfte und weitere an Schulen tätige Personen müssen alle Betroffenen in ihrer Individualität anerkennen und besondere Bedürfnisse wahrnehmen.

Inklusion bringt damit große Veränderungen und Herausforderungen an Schulen. Die inklusive Schule macht Förderschulen überflüssig. Doch wie funktioniert Inklusion an Schulen konkret?

Wie funktioniert Inklusion an Schulen?

In der inklusiven Schule werden Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet. Damit reguläre Schulen inklusiv unterrichten können, benötigen sie im Idealfall Lehrkräfte aus der Sonderpädagogik. Je nach Bedarf erhalten Betroffene zusätzliche Schulassistenten. Die inklusive Schule ist dabei die größte Schulreform seit Einführung der gemeinsamen Grundschule im Jahr 1920.

Inklusion ist aber mehr als der Besuch einer regulären Schule durch ein Kind mit Förderbedarf. Es bedarf Lehrkräfte der Sonderpädagogik und die Aufgaben der Fachlehrkräfte ändern sich. Binnendifferenzierung und individualisierte Förderung rücken in das Zentrum des Unterrichts. Es geht mehr darum, die persönlichen Voraussetzungen der Kinder zu berücksichtigen und durch individuelles Lerntempo und differenzierte Materialien zu fördern.

Bremen 89%
Berlin 71%
Schleswig-Holstein 68%
...
Sachsen 35%
Rheinland-Pfalz 34%
Bayern 29%

Inklusionsanteile nach Bundesländern (Bertelsmann-Stiftung, 2020)

Die Inklusionsanteile unterscheiden sich je nach Bundesland erheblich. Jedes Bundesland geht die Umsetzung von Inklusion anders an, weil Bildung in Deutschland Ländersache ist. Während einige Länder Förderschulen nach und nach schließen, richten andere Bundesländer Förderschwerpunkte an Regelschulen ein.

In einigen Bundesländern funktioniert Inklusion bereits recht gut. Dennoch fehlen oft noch Assistent*innen, Sonderpädagog*innen, Schulbegleitungen oder barrierefreie Schulen. Lehrkräfte sind nicht ausreichend für inklusiven Unterricht ausgebildet und auch auf Seiten der Eltern gibt es Bedenken bezüglich der Inklusion an Schulen.

Nachteile von inklusiver Bildung

Inklusion kann nur gelingen, wenn alle zusammenarbeiten. Doch bereits vor der Umsetzung äußern Eltern Bedenken. Sie fürchten eine nicht angepasste Bildung für ihr Kind mit Behinderung oder Störungen und Lernrückstände für ihr Kind ohne Förderbedarf. Das Vorurteil, dass nicht beide Seiten von einer inklusiven Beschulung profitieren, führt zu Misstrauen der Eltern. 55% der Eltern einer infas-Studie mit 1.500 Teilnehmer*innen denken, dass inklusiver Unterricht das fachliche Lernen bremse. Diese Sorge teilen insbesondere Eltern von Kindern ohne Förderbedarf. Eltern von Kindern mit Förderbedarf fürchten hingegen, dass ihr Kind im inklusiven Unterricht nicht lernt. Eltern benötigen deshalb umfangreichere Informationen. Sie sollten über die Studienlage zur Inklusion aufgeklärt werden, um diese Ängste zu minimieren.

Damit Inklusion an regulären Schulen stattfinden kann, müssen Schulen barrierefrei werden. Dies zeigt etwa die Geschichte von Martha, die ich an meiner Praktikumsschule verfolgt habe [→ mehr dazu]. Schulen brauchen etwa Toiletten, die auch mit einem Rollstuhl zugänglich sind, einen Fahrstuhl und Rampen. Auch barrierefreie Lernmaterialien sind für eine reibungslose inklusive Beschulung notwendig. Die Digitalisierung der Schulen kann dazu beitragen, Schule auch inklusiver zu machen.

Lehrkräfte – insbesondere ältere Lehrkräfte – sind nicht für inklusiven Unterricht ausgebildet. Daher wird ein umfangreiches Weiterbildungsangebot und die Unterstützung von Sonderpädagogen benötigt. Für das Umrüsten regulärer Schulen zu inklusiven Schulen werden zusätzliche Finanzmittel benötigt. 

Vorteile von inklusiver Bildung

Jeder Mensch ist anders und in der inklusiven Schule steht dieser Satz im Grundsatz des schulischen Lebens. Die individuellen Schwächen und Stärken eines jeden Kindes werden in der inklusiven Schule in den Vordergrund gestellt und gefördert, egal, ob es eine Behinderung hat, oder nicht. Differenzierung im Unterricht zielt darauf ab, jedes Kind gemäß der individuellen Voraussetzungen zu fördern. Inklusiver Unterricht verfolgt also das Ziel, dass jedes Kind nach seinen persönlichen Möglichkeiten lernen kann.

Kinder mit Behinderungen profitieren besonders von einer inklusiven Beschulung. Durch den Besuch einer regulären Schule verbessert sich die Chance einen guten Schulabschluss zu erzielen. Der Besuch einer Regelschule geht somit mit besseren Chancen am Arbeitsmarkt einher. Inklusiver Unterricht ermöglicht damit auch ein selbstständigeres Leben, weil Kinder mit Behinderung häufiger einen Ausbildungsplatz finden und somit nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Auch die Leistungen der Kinder ohne Förderbedarf können von einer inklusiven Beschulung profitieren. Gelungene Inklusion kann die Qualität des Unterrichts verbessern und somit den Lernzuwachs steigern. Die derzeit größte Metastudie zu Unterrichtseffekten von John Hattie kam zu dem Ergebnis, dass der positive Effekt von Inklusion eher gering ausfällt.

»Die Argumente für eine inklusive Beschulung betreffen eher Fragen der Gleichbehandlung und der sozialen Gerechtigkeit als optimale Effekte auf das Lernen der Betroffenen.«

Prof. John Hattie

Erziehungswissenschaftler an der University of Melbourne

Die Ergebnisse der Metastudie bilanzieren somit einen gering-positiven Effekt (d=0,12) im Vergleich zu Sonderschulklassen. Die Effektstärke (d) gilt in der Statistik ab einem Wert von 0,5 als mittelstark.

Fazit: Inklusive Schulen sind möglich!

Inklusive Schulen sind möglich und nötig. Zwar sagen unterschiedliche Studien übereinstimmend nur einen geringen positiven Effekt nach, Nachteile konnten jedoch widerlegt werden. Doch der Weg zu einer inklusiven Schule ist noch lang, denn reguläre Schulen sind noch nicht für den inklusiven Unterricht optimiert. Das hängt nicht nur mit der rückständigen Digitalisierung an Schulen zusammen, sondern auch mit dem ungenügendem Budget, bürokratischen Hürden und der fehlenden Aus- und Weiterbildung der Kollegien. Langfristig betrachtet wird es definitiv günstiger sein, inklusive Schulen zu unterhalten, anstatt unterschiedliche Schulformen wie Sonderschulen weiterzuführen.

Inklusion muss auf unterschiedlichen Ebenen geplant und gedacht werden. Ein offenes Miteinander ist der Grundstein für funktionierende Inklusion. Die Bundesländer sind verantwortlich für die Umsetzung von Inklusion an Schulen, die Schulträger für den barrierefreien Umbau. Lehrkräfte sind für die inklusive und differenzierende Umsetzung ihres Unterrichts verantwortlich.

Inklusion ist nötig. Sie vermittelt allen Kindern, dass es ganz normal ist, unterschiedlich zu sein. Und je früher Kinder dies lernen, umso offener und toleranter werden sie. So kann inklusiver Unterricht auch das gesellschaftliche Miteinander verbessern. Wichtig ist jedoch, dass Lehrkräfte entsprechend unterstützt werden. Damit das Lernen nicht unter den inklusiven Maßnahmen leidet, wird sonderpädagogische Unterstützung benötigt. Der Aufgabenschwerpunkt bei inklusiven Unterricht ist stärker individualisiert und verlangt Lehrkräften mehr ab. Damit sie diese Herausforderung nicht allein stemmen müssen, sind sie auf Unterstützung der Schulaufsicht angewiesen, die für das Einsetzen weitere Lehrkräfte oder von zusätzlichen Personal an Schulen zuständig ist. Nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, kann Inklusion an Schulen tatsächlich gelingen.

Quellen: John Hattie: lernen sichtbar machen. 2009.

familienratgeber.de, bertelsmann-stiftung.de, inklusion-schule.info, aktion-mensch.de, bpb.de, deutsches-schulportal.de, zeit.de

Titelbild: Photo by Thorsten Bareuther on Unsplash [externe Links]

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