Gendern in der Sprache

Gendern in der Sprache

Die deutsche Sprache hat ein Problem: Sie erzeugt falsche Bilder im Kopf. Wenn wir sagen ‚In der Schule arbeiten Lehrer.‘, dann meinen wir eigentlich auch, dass natürlich Lehrerinnen ebenfalls in der Schule arbeiten. Doch das steht da nicht. Das generische Maskulinum, also die geschlechtsneutral gemeinte Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen, erzeugt jedoch ein falsches Bild im Kopf: Während im Satz ‚Er ist der beste unter allen Ärzten‘ zweifelsohne gemeint ist, dass ein Arzt der beste Arzt von allen sei, sagt der Satz ‚Sie ist die beste unter allen Ärztinnen‘ das nicht aus. Dieser Satz begrenzt sich auf ein Geschlecht, weil unsere Sprache das generische Maskulinum verwendet und nicht das generische Femininum. Gendergerechte Sprache ist jedoch kein Problem der Neuzeit und auch kein Problem, das es nur im Deutschen gibt.

Sharon McCutcheon / unsplash.com

Die Geschichte der gendergerechten Sprache

Die Debatte um eine gendergerechte Sprache hat ihren Ursprung im Jahre 1974. Erstmal wurde im Englischen die Verwendung maskuliner Pronomina für Personen unbestimmten Geschlechts als problematisch befunden. Die zweite Welle der Frauenbewegung kritisierte deshalb die Verwendung des generic masculine (geläufiger: epicene he), weil Substantive im Englischen kein (sichtbares) Genus haben.

This child plays with his friends. 

In der deutschen Sprache haben Substantive ein Geschlecht und das Genus der Pronomina richtet sich nach dem Nomen, auf welches sie sich beziehen. In der Soziolinguistik lässt sich der Begriff des generischen Maskulins erst in den 1980er Jahren nachweisen. Bereits 1980 problematisierten zum Beispiel Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz das generische Maskulinum aus feministischer Sicht. 1988 führte Josef Klein Untersuchungen zur „Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum“ durch. Doch noch lange Zeit danach erregt die Diskrepanz zwischen dem grammatischen Geschlecht (Genus) und dem biologischen Geschlecht (Sexus) nur dann Aufmerksamkeit, wenn beide Geschlechter nicht miteinander übereinstimmen. Wie alt der Diskurs um geschlechtergerechte Sprache bereits ist, ist schwierig zu sagen. Bereits im Mittelalter gibt es Texte, in denen beide Formen explizit genannt wurden. 

Möglichkeiten einer gendergerechten Sprache

Noch heute verwendet die deutsche Sprache das generische Maskulinum, doch inzwischen gibt es zahlreiche weitere Bewegungen, die das ändern wollen. Es gibt konkrete Möglichkeiten einer geschlechtergerechten Sprache, die sich sehr stark voneinander unterscheiden können.

Lehrer

In der Schule arbeiten Lehrer.

Generisches Maskulinum

Vermeintlich geschlechtsneutrale Verwendung der maskulinen Form.

Lehrer/-innen

In der Schule arbeiten Lehrer/-innen.

Nennung beider Formen

Lehrerinnen und Lehrer - oder kurz: Lehrer/-innen. Umschließt männliche und weibliche Form.

LehrerInnen

In der Schule arbeiten LehrerInnen.

Binnen-I

Häufig im Gebrauch, um in einem Wort männliche und weibliche Form zu nennen.

Lehrerinnen

In der Schule arbeiten Lehrerinnen.

Weiblicher Plural

Generisches Femininum - Männer fühlen sich jedoch oft nicht mitgemeint.

Lehrer*innen

In der Schule arbeiten Lehrer*innen.

Gender-Sternchen

Das Gender-Sternchen (Asterisk) steht für Vielfalt und meint nicht nur männliche und weibliche Formen.

Lehrer_innen

In der Schule arbeiten Lehrer_innen.

Gender-Gap

Lücke für geschlechtliche Variation.

Lehrer:innen

In der Schule arbeiten Lehrer:innen.

Doppelpunkt

Aktueller Vorschlag einer gendergerechten Sprache, weil der Doppelpunkt beim Schreiben auf der Tastatur problemlos eingebunden werden kann.

Lehrer!nnen

In der Schule arbeiten Lehrer!nnen.

Gender-Sternchen

Ausrufezeichen als Genderzeichen, Vorschlag von Linguistin Luise Pusch.

Lehrkräfte

In der Schule arbeiten Lehrkräfte.

Neutrales Wort

Ersatz durch ein neutrales Wort oder ein nominalisiertes Adjektiv.

Kritik an gendergerechter Sprache

Die Kritik an der gendergerechten Sprache ist so alt wie der Ruf nach einer gendergerechten Sprache selber. Während sich andere Geschlechter durch das generische Maskulinum diskriminiert fühlen, sind es insbesondere Männer, die eine gendergerechte Sprache ablehnen. Der Diskurs über die Notwendigkeit einer gendergerechten Sprache existiert seit mehr als 40 Jahren. Und auch wenn sich damals noch ein Großteil der Frauen ebenfalls mit dem generischen Maskulinum identifiziert haben mag, gibt es inzwischen viele Menschen, die das nicht mehr tun. Unsere Gesellschaft hat sich verändert und es geht längst nicht mehr um die Frage, ob auch Frauen mit einer maskulinen Form angesprochen werden, sondern warum nicht alle geschlechtlichen Identitäten angesprochen werden.

»Grüne und Grüninnen? Frauofrau statt Mannomann? Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Mutterland? Hähnch*Innen-Filet? Spielplätze für Kinder und Kinderinnen? Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?«

Friedrich Merz, CDU

via Twitter

Politiker wie der CDU-Politiker Friedrich Merz aber auch weite Teile der AfD lehnen gendergerechte Sprache als „Umerziehungsversuche der Linksgrünen entschieden ab“, schreibt etwa die AfD-Fraktion Hamburg auf Twitter. Auch der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant übt Kritik an der gendergerechten Sprache.

»Sprache ist etwas, das sich ständig ändert, Sprache ist einem permanenten Wandel unterworfen, aber nicht durch politische Maßnahmen.«

Jürgen Trabant

Deutscher Sprachwissenschaftler

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband steht der gendergerechten Sprache hingegen offener gegenüber, merkt jedoch an, »Gendern durch Sonderzeichen und Typographie […] ist nicht zu empfehlen«. Texte, die für Blinde von einer Assistenz oder Screenreadern vorgelesen werden, würden die geschlechtsneutrale Sprachen ansonsten nicht deutlich machen. Der Verband empfiehlt daher die Ausformulierung beider Formen.

Warum brauchen wir eine gendergerechte Sprache?

Ähnlich wie bei anderen sprachlichen Gewohnheiten ist der Aufschrei groß, wenn es plötzlich darum geht, etwas an der Sprache anzupassen. Die Debatten kennen wir von der Umbenennung der Schaumküsse, der Paprikasauce oder eben der gendergerechten Sprache. Kritisiert werden derartige Ansätze insbesondere von privilegierten Gruppen, also Gruppen, die sich nicht der Minderheit zuordnen lassen. Das beste Beispiel lieferte jüngst der WDR, der in seiner Sendung „Die letzte Instanz“ über die Diskriminierung von People of Color (Stichwort: Black Lives Matter) gesprochen hat, jedoch lediglich fünf Weiße in die Sendung einlud.

Mit Friedrich Merz und Jürgen Trabant hat auch die gendergerechte Sprache zwei namhafte Kritiker bekommen, die von der Problematik überhaupt nicht betroffen sind. Als Männer fühlen sie sich von männlichen Substantiven und Pronomen immer angesprochen und sprachlich berücksichtigt, unabhängig davon, ob das Maskulinum generisch oder rein grammatisch verwendet wird.

Bereits  zeigte untersuchte eine Publikation des Journal of Language and Social Psychology den Effekt des generischen Maskulinums. Auf die Frage „Nennen Sie Ihren liebsten Musiker!“ wurden signifikant mehr Männer genannt als bei der Frage „Nennen Sie Ihre liebsten Musikerinnen und Musiker.“ Auch andere Experimente zeigen, dass bei Personenreferenzen im generischen Maskulinum ein geringerer gedanklicher Einbezug von Frauen zu beobachten ist. Das generische Maskulinum erzeugt also vorwiegend männliche Bilder in unseren Köpfen und diskriminiert so andere geschlechtliche Identitäten.

Dass das Kanzleramt noch immer als Kanzleramt bezeichnet wird, obwohl es die letzten 16 Jahre eine Kanzlerin in Deutschland gab, bestätigt die konservative Einstellung. Gendergerechte Sprache nimmt niemandem etwas weg. Sie tut niemandem weh. Andersherum sprechen wir Menschen gar ihre Identität ab. Um die heutige, diverse Gesellschaft in angemessener Weise zu repräsentieren, muss sich auch unsere Sprache für geschlechtliche Identitäten öffnen.

»Es gibt nach meiner Wahrnehmung einen kulturellen Konsens in der Republik - die überwiegende Mehrheit der Menschen lehnt die Gendersprache ab.«

Friedrich Merz, CDU

via Twitter

Frauen werden aktiv mit einbezogen. Die Verwendung einer gendergerechten Sprache konnte in Studien positive Ergebnisse erzielen. Wird gegendert, fühlen sich Frauen gedanklich mehr einbezogen. Geschlechterneutrale Sprache kann auf diese Art und Weise helfen, Stereotype in unserer Sprache aufzubrechen. Vor allem im beruflichen Kontext kann unsere Sprache erhebliche Einflüsse haben. Eine ältere Studie zeigte, dass sich auf Stellenanschreibungen, die geschlechterneutral verfasst wurden, mehr Frauen bewerben. Gleichermaßen führen männlich formulierte Ausschreibungen eher dazu, dass Frauen den Job bei gleicher Qualifikation seltener bekommen würden. Diese Effekte transportieren sich auch auf die Bewerber. Berufe, die geschlechterneutral präsentiert werden, trauen sich mehr Kinder und Jugendliche zu.

Gendern hat auch negative Folgen

»Sprache ist der Schlüssel zur Welt.«

Alexander von Humboldt

Wissenschaftler

Gendern verändert unsere Sprache ähnlich wie die Umbenennung von Schaumküssen oder Paprikasaucen. Ein „Das haben wir die letzten 20 Jahre auch so gesagt“ repräsentiert dabei insbesondere die eigene Haltung. Diskriminierung beginnt jedoch nicht dort, wo Diskriminierende es als solche verstehen, sondern immer bereits dort, wo sich Menschen diskriminiert fühlen.

Nichtsdestotrotz ist die Veränderung der Sprache ein harter Brocken. Studien zeigen zwar, dass das Gendern im besten Fall zur Gleichberechtigung beitragen kann, gendergerechte Sprache allein reicht jedoch nicht, um stereotype Rollenbilder aufzubrechen. Hinzu kommen weitere Kontrapunkte, die insbesondere an der oben genannten Kritik deutlich werden. Gendern sorgt für Verwirrung. Insbesondere ältere Menschen, die ihr Leben lang anders gesprochen haben, sin verwirrt, wenn ein Wort plötzlich durch einen Stern getrennt wird. Alles, was von den erlernten Rechtschreibregeln abweicht, wird zunächst einmal als fremd und falsch bewertet. Mit der Rechtschreibreform von 1996 wurde das „ß“ an vielen Stellen durch ein doppeltes „s“ abgelöst. Was damals für Furore sorgte, wird inzwischen in Schulen gelehrt. 

Insbesondere in der Versprachlichung kann das Gendern zu Missverständnissen führen, weil „innen“ als eigenständiges Wort der deutschen Sprache durchaus auch außerhalb seiner Form als „Gender-Zeichen“ verwendet werden kann:

Die Schüler sitzen außen, die Lehrer innen.

Der Widerstand gegen neue Regeln kann dazu führen, dass Menschen auch in ihrer Einstellung extremer werden. Was wir am Beispiel der Corona-Maßnahmen bestens beobachten können, ist die sogenannte Reaktanz. Insbesondere wenn Geschlechtergerechtigkeit nicht mit den Wertvorstellungen einer Bevölkerungsgruppe einhergeht, kann der Widerstand gegen Gendersprache stärker werden.

Fazit: Wir brauchen zwei Dinge - Gendersprache und Zeit

Wir brauchen eine gendergerechte Sprache – unbedingt. Nicht nur, weil das Grundgesetz uns Diskriminierung jeglicher Form wegen des Geschlechts untersagt. Wir brauchen genderneutrale Sprache insbesondere, um unsere Gesellschaft auch in unserer Sprache zu repräsentieren. Die Beispiele, die häufig als „Genderwahn“ vorgetragen werden, sind dabei natürlich überspitzt. Ein geschlechtsneutrales Wort wie „Kinder“ muss nicht gegendert werden. Ähnlich verhält es sich bei dem von Friedrich Merz aufgeführten Beispiel „Grüne“. Da ohne die Verwendung eines Artikels kein Geschlecht erkennbar ist („der Grüne“ oder „die Grüne“) kann auch in diesen Fällen eine Gender-Form entfallen. Übertreibungen möchte niemand.

Doch um die Sprache und insbesondere das Sprachbewusstsein zu ändern, benötigen wir Zeit. Wir können die Sprache nicht ad hoc ändern, sondern müssen – ähnlich wie zur Rechtschreibreform – gendersensible Sprache in der Schule vermitteln. Wie auch heute noch einige Menschen das ß anstelle des Doppel-s verwenden, zeigt, dass eine Gendersprache Zeit benötigt, um in der Gesellschaft anzukommen. Wichtig wäre dabei, auf berechtigte Interessen einzugehen. Dass Screenreader Schwierigkeiten haben, Gender-Sternchen entsprechend vorzulesen, könnte ein Anhaltspunkt in die Entwicklung einer gendergerechten Sprache sein. Insbesondere die Vielzahl an Möglichkeiten, die in diesem Beitrag auch vorgestellt wurden, kann für Verwirrung und infolgedessen zur Reaktanz führen. Eine Festlegung auf einen Weg halte ich daher für angebracht.

Quellen: journals.sagepub.com, frontiersin.org, frauenbeauftragte.uni-muenchen.de, focus.de, welt.de, quarks.de, goethe.de, amnesty.de

Titelbild: Sharon McCutcheon / unsplash.com

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