“Kannst du mir meine Note geben?” – Lehrkräfte duzen?

"Kannst du mir meine Note geben?" - Lehrkräfte duzen?

In Schweden ist es seit mehr als 50 Jahren gang und gäbe. 1967 stellte sich der neue Generaldirektor der Arzneimittelbehörde mit den Worten “Kalla mig Bror!” (“Nennt mich Bror!”) beim Personal vor. Bror Anders Rexed revolutionierte die Ansprache in Schweden. Die “Du-Reform” machte Schule – fortan durften auch Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte duzen. Was in Skandinavien inzwischen zum Alltag gehört, scheint in Deutschland noch unvorstellbar zu sein. Am vergangenen Wochenende hat der SPD-Nachwuchs auf seinem Parteitag für eine neue Regelung für die Anrede an Berliner Schulen gestimmt. So soll Distanz abgebaut werden. Doch kann das funktionieren?

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Warum wird überhaupt gesiezt?

Das Siezen im Deutschen gilt als eine Form der Höflichkeitsanrede. Diese hat eine lange Geschichte in der deutschen Sprache. Neben der standardsprachlichen Anrede mit “Du” kam der Pluralis majestatis insbesondere im Mittelalter auf, um den Adel anzusprechen: “Habt Ihr gut geschlafen?” Im 16. Jahrhundert tauchte auch die dritte Person Singular in der direkten Ansprache als Form der höflichen Anrede auf: “Hat er/sie gut geschlafen?” Das Plural-Sie setzte sich im 17. Jahrhundert durch und gilt auch heute noch als Höflichkeitsanrede in der deutschen Sprache.

Doch wann Duzen und wann Siezen wir? Während es im 18. Jahrhundert noch üblich war, sogar die eigenen Eltern zu siezen, ist es heute kaum noch üblich, persönlich bekannte Menschen zu siezen. Ab der Oberstufe werden Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrkräften ebenfalls gesiezt, wenn sie dies wünschen. Lehrkräfte hingegen werden durchgehend gesiezt. So sollen Distanz geschaffen und Respekt erhalten werden. Das Siezen von Lehrkräften schafft einen respektvollen Umgang und die notwendige Sachlichkeit – es fällt nun einmal schwerer, “Sie A****loch!” zu sagen, als “Du A****loch!”

Das Sie gilt als Zeichen des Respekts gegenüber von Erwachsenen, aber auch der Anerkennung der Autorität der Lehrkräfte. Die durch das “Sie” geschaffene Sachlichkeit trainiert die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, sich auch überlegter und schriftsprachlicher auszudrücken. Das muss geübt werden, um die Sensibilisierung der richtigen Anrede zu schulen.

Auch der Knigge, der heutzutage als “Benimmbuch” gilt, empfiehlt grundsätzlich zu siezen. Es sei den Ranghöheren, Älteren und den Damen vorbehalten, das Du anzubieten.

Berliner JuSos fordern das Duzen von Lehrkräften

In Berlins Klassenzimmern möchte man dem skandinavischen Vorbild folgen. Der SPD-Nachwuchs möchte die künstliche Distanz in Schulen abbauen und stattdessen mehr Vertrauen und bessere Noten aufbauen. Schweden, Norwegen und Finnland, wo Lehrkräfte schon lange geduzt werden, schneiden in PISA-Vergleichsstudien deutlich besser ab als Deutschland.

Mehr als 50 Jahre “Duz-Erfahrung” in Schweden hätten gezeigt, dass die Autorität der Lehrkräfte nicht darunter leide, wenn man sprachliche Distanz abbaue, erklären die JuSos bei ihrem Parteitag in Berlin. Man sei sogar im Gegenteil eher bereit, eine Lehrkraft anzusprechen, wenn man ein Problem habe.

»Ich duze meine Lehrkräfte und erhalte dafür Klassenbucheinträge. Aber alles andere ist künstlich hergestellte Autorität.«

John Behrens

16-jähriger Schüler aus Neukölln

»Es muss nicht überall gleich verfahren werden. Die jeweilige Schulkonferenz sollte entscheiden.«

Samuel Märk

JuSos Berlin

»Ich bin die Lehrerin – nicht die Freundin oder Mama.«

Astrid Busse

Lehrerin

Gerade der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule stellt Schwierigkeiten dar. Während im Kindergarten oft geduzt wird – manchmal auch das Du mit dem Nachnamen – “Du, Herr/Frau Beispiel” – soll in der Schule gesiezt werden. Kein Wunder, dass es gerade in Grundschulen oft noch hingenommen wird, wenn ein Du rausrutscht. Das ungewohnte “Sie” ist für die Kinder oftmals eine große Hürde und setzt sich oft erst in der dritten oder vierten Klasse durch. Wichtig sei, das Kinder die Grundschule mit dem Wissen über den korrekten Einsatz der Höflichkeitsanrede verlassen.

Die JuSos in Berlin sehen das jedoch anders. Nach dem Vorbild der skandinavischen Schulen wollen sie, dass auch bei uns im Land künftig Lehrkräfte geduzt werden. Um künstliche Distanzen abzubauen und eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen, soll das “Sie” für Lehrkräfte weichen. Das stärke das Wir-Gefühl. Mit Blick auf die Leistungen in der PISA-Studie erhoffe man sich auch eine bessere Leistung unserer Schülerinnen und Schüler, wenn hierzulande an Schulen geduzt werde.

Wer Lehrkräfte siezt, lernt besser

Das Siezen von Erwachsenen stellt ein formelles, elaboriertes Sprachverhalten dar, wie es im späteren gesellschaftlichen Leben oft erwartet wird. Ein komplexerer Satzbau, eine differenziertere Wortwahl und die Orientierung am schriftsprachlichen Ausdruck schulen dabei die sprachliche Kompetenz. Wer dagegen auf der Du-Eben spricht, bleibt informeller und kontrolliert sich weniger. Da sei weniger anstrengend und für die Kinder angenehmer, sagt Professor Dr. Wolfgang Steinig von der Uni Siegen. Er ist Germanist und hat den Einfluss der Anrede auf die Leistungskultur untersucht.

»Wir haben festgestellt, dass an Schulen mit
hohen Duz-Quoten Freude am Lernen einen hohen Stellenwert hat. Es fallen immer wieder
Begriffe wie "kindgemäß" oder "kindgerecht". In Schulkulturen, in denen Kinder früher und
häufiger ihre Lehrkräfte siezen, finden hingegen schulische Leistungen, die Erwartungen der
weiterführenden Schulen sowie Höflichkeit und Respekt eine größere Beachtung. Etwas
verkürzt könnte man sagen: Während in informellen Kulturen die Kinder im Mittelpunkt
stehen, betonen die formellen die Rolle der Lehrkräfte.«

Prof. Dr. Wolfgang Steinig

Professor für Germanistik an der Universität Siegen

In seiner Studie fand Prof. Dr. Steinig auch heraus, dass in informellen Schulkulturen nicht nur mehr geduzt wird, auch die Rechtschreibung habe einen geringeren Stellenwert. Das Übersimplifizieren von schulischen Situationen habe einen schlechten Einfluss auf die Leistungen aller. Steinig betont, dass diese Defizite in der Rechtschreibung im bildungsnahen Elternhaus aufgeholt werden können. Kinder aus sozialen Milieus, die keine Hilfe von ihren Eltern erwarten können, werden dadurch weiter abgehängt.

"Können Sie mir das noch einmal erklären?" - Fazit

Schülerinnen und Schüler fühlen sie womöglich wohler, wenn sie ihre Lehrkräfte duzen dürfen. Das nimmt das Gefühl von Distanz und sorgt für mehr Vertrauen und Sicherheit. Wichtig ist jedoch, die Regeln zu lernen, die auch außerhalb der Schule weiterhin gelten. Damit das gelingen kann, müssen diese Regeln auch in der Schule gelernt und gelebt werden. Wie beim Spielen eines Instruments müssen erst die Grundlagen erlernt werden, ehe improvisiert werden kann.

Informelle Situationen sorgen gar dafür, dass Schülerinnen und Schüler schlechter lernen: Die Rechtschreibung wird vernachlässigt und die Schriftsprache nicht gelernt, wodurch im Laufe der Schullaufbahn weitere Defizite auftreten. Als Lehrkraft kann ich sagen: Wenn meine Schülerinnen und Schüler mich außerhalb des Unterrichtsgesprächs versehentlich Duzen, finde ich das nicht schlimm – im Unterricht sollte jedoch weiterhin gesiezt werden.

Quellen: pfalz-express.de, zeit.de, rbb.de, betzold.de, freiherr-knigge.de, 

Grundschulen: Duzen ist weniger anstrengend. In: Zeit (39/2017) [externer Link]

Titelbild: Pexels/ pixabay.com

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