»Anders, aber stolz!« – Disability Pride Month

»Anders, aber stolz!« -
Disability Pride Month

Pride (engl. ‚Stolz‘) braucht es immer dann, wenn Gruppen von Menschen stigmatisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Bekannt wurde dies durch den sogenannten Pride Month im Juni, bei dem die LGBTQ*-Community seit der Stonewall-Aufstände in den 1970er Jahren für Respekt, Toleranz, Vielfalt und Gleichberechtigung kämpfen [→ mehr dazu]. Doch die LGBTQ*-Community ist nicht die einzige Gruppe, die ständig Diskriminierung und Stigmatisierung erfährt.

2015 erklärte der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio den Juli zum Disability Pride Month. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Americans with Disability Acts (ADA) gab den Blasio Menschen mit Behinderung damit offiziell die Möglichkeit, ihre Forderungen auf die Straße und in die Öffentlichkeit zu tragen. Beim Americans with Disability Act handelt es sich um ein Bundesgesetz, dass seit 1990 die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung in Unternehmen und Institutionen verbietet. In Deutschland gibt es seit 2013 die „Behindert und verrückt feiern Pride Parade„, die ebenfalls im Juli stattfindet, jedoch ist dies den wenigsten Menschen ohne Behinderung tatsächlich bekannt.

geralt / pixabay.com, editiert

»Eine Parade ist noch lange kein Pride Month!«

Viel mehr als eine Parade mit Veranstaltungen und einer Demonstration an einem Tag gibt es in Deutschland jedoch noch nicht. Der Disability Pride Month ist den wenigsten Deutschen tatsächlich bekannt. Dabei wäre insbesondere die Sichtbarkeit auf vielen verschiedenen Paraden ein unglaublich starkes Zeichen: Bei den Pride Paraden können Menschen mit Behinderung zeigen, dass sie stolz sind, und sich gegenseitig stärken.

»In Deutschland haben wir leider immer noch das Mindset, dass wir uns für unsere Behinderung schämen und verstecken müssen. Behinderung ist bei uns kein Thema, über das man gerne redet. Es wird zwar akzeptiert, aber gilt nicht als etwas Gutes.«

Paula (22)

Studentin

Die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung ist ein großes Problem für Betroffene. Oft werden sie per se als dumm, hässlich oder Mensch zweiter Klasse stigmatisiert. Paula ist 22, studiert in Nordrhein-Westfalen und sitzt aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Sie wünscht sich einen Disability Pride Month auch in Deutschland.

Menschen mit Behinderung werden im Alltag oft benachteiligt und die Behinderung wird als etwas Negatives angesehen. Dabei hat jeder vierte Mensch in Deutschland eine amtlich anerkannte Schwerbehinderung oder eine chronische Erkrankung, die zu einer langfristigen Einschränkung im Alltag führt. Menschen mit Behinderung sind in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt deutlich unterrepräsentiert. Die Anzahl der Menschen mit Behinderung, die in Werkstätten steigt in Deutschland stetig weiter. Nur 0,32% der Schüler*innen gelingt der direkte Einstieg ins Berufsleben nach dem Schulabschluss. Nur 30% der Menschen mit Behinderung sind überhaupt in den Arbeitsmarkt integriert – bei Menschen ohne Behinderung sind es 65%.

2019 meldeten die Antidiskriminierungsstellen des Bundes, dass rund ein Viertel aller Anfragen wegen einer Behinderung einging. Das Marktforschungsinstitut FORSA fragte daraufhin in einer Umfrage, in welchen Bereichen sich Menschen mit Behinderung besonders benachteiligt fühlten:

1
%
Fortbewegung
1
%
Berufsleben
1
%
Versicherungen
1
%
Freizeitgestaltung
1
%
Behörden

Benachteiligung von Menschen mit Behinderung (Quelle: FORSA)

»Meine Behinderung ist ein positiver Teil von mir«

Menschen mit Behinderung werden an einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gehindert. Besonders der Zugang zu Gütern und Dienstleistungen ist oft nicht barrierefrei: Stufen vor einem Restaurant oder ein fehlender Fahrstuhl in einer U-Bahn-Station erschweren Menschen im Rollstuhl den Alltag. Aber auch Online-Anmeldeformulare ohne Vorlesefunktion, nicht-barrierefreie Internetseiten oder Videos und Filme ohne Untertitel behindern die Teilhabe. 

»Wenn ich auf Twitter mit einer Person schreibe, dann spielt meine Behinderung erst mal keine Rolle. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. So komme ich mit vielen Menschen in Kontakt, die in ihrem Alltag keine blinden Menschen kennen. Die meisten stellen Fragen und wollen lernen und sind dann total dankbar, dass ich ihre Fragen beantworte.«

Heiko (43)

Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Hamburg

Heiko ist blind und hat deshalb schon mehr als genug Probleme gehabt. Ein Disability Pride Month würde ihm gefallen, weil er die Möglichkeit geben würde, auf Missstände aufmerksam zu machen. Missstände, von denen es leider mehr als genug gibt, obwohl die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung gesetzlich verboten ist.

Die UN-Behindertenrechtskonvention war ein wichtiger Schritt für Menschen mit Behinderung. Die Vereinten Nationen haben diesen völkerrechtlichen Vertrag ratifiziert und damit bestehende Abkommen für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung konkretisiert: Menschen mit Behinderung werden demnach nicht mehr als „krank“ betrachtet, sondern als gleichberechtigte Menschen, deren Behinderung von außen – also durch Umwelt und Strukturen – erfolgt. Folgende Grundrechte werden Menschen mit Behinderung regelmäßig versagt:

  • das Recht, eine gute Bildung zu erhalten
  • das Recht, sich frei und ungehindert von einem Ort zu einem anderen bewegen zu können
  • das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft
  • das Recht, Arbeit zu finden, auch wenn sie hochqualifiziert sind
  • das Recht auf Zugang zu Informationen
  • das Recht, eine angemessene Gesundheitsversorgung zu erhalten
  • das Recht, ihre politischen Rechte auszuüben, z.B. ihr Wahlrecht auszuüben
  • das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen

»Inklusion ist ein Teil des Problems«

Die UN-Behindertenrechtskonvention soll Menschen mit Behinderung genau diese Rechte zusichern. Inklusion nennt man die gleichberechtigte Teilhabe am Alltag. In Schulen etwa meint sie die gleichberechtigte Erziehung und Beschulung von Menschen mit und ohne Behinderung.

Martha ist querschnittsgelähmt und bettlägerig. Sie besucht die fünfte Klasse eines Gymnasiums. Jeden Morgen um 07:15 Uhr wird sie mit ihrem Krankenbett in Begleitung einer Pflegerin und einer Sonderpädagogin in den Klassenraum geschoben. Sprechen kann sie nicht. Dafür hat sie einen speziellen Computer, den sie mit ihren Augen steuern kann und ihre persönliche Betreuung. Martha kann wie Kinder ohne Behinderung am Unterricht teilnehmen. Doch die Teilhabe am Musikunterricht bleibt ihr verwehrt: Der Musikraum ist im 1. Stock und die Schule hat keinen Fahrstuhl, mit dem man das Bett in die obere Etage fahren könnte. Marthas Lehrkräfte wurden in den Sommerferien darüber informiert, dass ein „I-Kind“ die Klasse besuchen werde. Doch insbesondere die alteingesessenen Lehrkräfte wissen mit dem Begriff Inklusion nicht viel anzufangen. Eine Weiterbildung hat das Kollegium nicht erhalten. Für Klassenarbeiten und Tests erhält Martha einen Nachteilsausgleich. Oft wird das Testformat auf Multiple Choice umgewandelt, damit sie es mit ihrem Computer ausfüllen kann.

 

»Schon der Begriff Inklusion bedeutet, dass wir eine Gesellschaft haben, die uns ausschließt. Wir fordern Selbstbestimmung und kämpfen gegen Normativität. Wir wollen das Recht haben, anders zu sein, und eine Gesellschaft, die sich an die Bedürfnisse jeder Person anpasst. Deswegen kämpfen wir. Momentan wird eher über uns anstatt mit uns geredet.«

Mélina (40)

Pressesprecherin des Berliner Bündnis "Pride Parade"

Martha hat in der Klasse auch Freund*innen gefunden. In der Pause stehen sie an ihrem Bett und erzählen ihr vom Musikunterricht oder vom Wochenende. Auch im Unterricht helfen die Mitschüler*innen, etwa wenn es darum geht, eine Seite im Buch aufzuschlagen. Sie holen dann Marthas Bücher aus dem Schrank und reichen es der Begleitung. Studien zum Lernerfolg in inklusiven Klassen zeigen: Schülerinnen und Schüler lernen in inklusiven Klassen nicht schlechter. Sie können sogar davon profitieren und gemeinsam und voneinander lernen. Das Problem ist jedoch, dass ein inklusives Schulsystem an Regelschulen nur funktioniert, wenn alle an einem Strang ziehen. Die individuelle Förderung von Kindern mit Behinderung, die diese etwa an Förderschulen erhalten hätten, kann eine Lehrkraft im Alltag nicht leisten.

Disability Pride und Corona

Corona hat die Möglichkeiten für Paraden und gemeinsame Treffen eingeschränkt. Darunter mussten auch die Disability Pride Paraden leiden – in Berlin und in New York City. »Obwohl die Situation besser ist als im letzten Jahr, sind wir noch nicht über den Berg. Mit Blick auf die Varianten, die auch in New York bereits festgestellt wurden, halten wir es für sicherer, die Disability Pride Parade dieses Jahr abzusagen“, heißt es etwa auf der offiziellen Seite der Parade in New York.

Die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung hat erheblich unter der Pandemie gelitten. Während Menschen mit Behinderung sich oftmals ohnehin schon schämen und deshalb seltener das Haus verlassen, hat die Pandemie dazu beigetragen, das „Verstecken“ zu verschärfen, weil die Menschen teilweise nicht mehr raus durften oder konnten. Die Parade in Berlin wurde deshalb ebenfalls abgesagt, der Protest auf soziale Netzwerke verlagert. Das sei insbesondere ein Gewinn für Menschen mit Behinderung, die ansonsten aufgrund diverser Barrieren nicht an den Paraden teilnehmen könnten. Der Netzaktivismus bietet vielen Menschen die Möglichkeit, in der Pandemie sicher zu protestieren.

Doch nicht nur die Pandemie ist ein Grund, warum in Deutschland kaum etwas vom Disability Pride Month weiß. Menschen mit Behinderung gelten in der Gesellschaft noch immer als Randgruppe. Viele Menschen mit Behinderung trauen sich deshalb nicht, sich zu äußern oder zu zeigen, weil sie Angst haben. 

»Disability Pride NYC is a wonderful organization that brings awareness to those affected by disabilities.«

Robert de Niro

Schauspieler

Auch wenn die Disability Pride Parade auch in diesem Jahr pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, ist es wichtig, sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Es ist wichtig, dass ein Umdenken bei Menschen ohne Behinderung stattfindet. Deshalb setzen sich auch prominente Unterstützer wie der Schauspieler Robert de Niro für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung ein. Eine Behinderung zu haben, bedeutet eben nicht, dass man dumm ist oder hässlich. Es bedeutet, dass man anders ist. Und darauf darf man gern stolz sein!

Quellen: spiegel.de, disabilitypridenyc.org, jetzt.de, antidiskriminierungsstelle.de, ameridisability.com, dw.com, aktion-mensch.de

Titelbild: geralt/ pixabay.com, editiert von vinding.de

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