Wie sicher sind Schulen wirklich?

Wie sicher sind Schulen wirklich?

Neues Jahr, neue Variante – nur eines hat sich nicht geändert: Der Umgang mit der Pandemie an Schulen: Zwar hat man mit Masken und regelmäßigen Tests erste Maßnahmen ergriffen, doch der Situation angemessen sind diese wohl kaum noch. Statt Distanzunterricht bei Inzidenzen im vierstelligen Bereich gab es auch in der vierten Welle nur den Hinweis, regelmäßig zu lüften. Am Mittwoch, 05. Januar 2022 beraten die Kultusminister*innen, ob Präsenzunterricht trotz Omikron-Variante flächendeckend stattfinden kann – wegen Corona rein digital. Bereits am Montag fing jedoch in einigen Bundesländern der Präsenzunterricht wieder an. Wirkliche Maßnahmen zum Schutz der teils ungeimpften Kinder und Jugendlichen wird es wohl auch nach Mittwoch nicht geben, denn die Kultusminister*innen vertreten nach wie vor die Auffassung, dass Schulen sichere Orte seien.

congerdesign / pixabay.com

Corona-Datenlage derzeit unklar

Die neue Virus-Mutante Omikron soll noch ansteckender sein als die bisherigen Varianten. Virologe Ralf Bartenschläger vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung geht davon aus, dass die Fallzahlen schnell weiter steigen werden. Die Verdopplungszeit in Ländern, in denen sich Omikron bereits durchgesetzt habe, liegt bei nur zwei bis drei Tagen.

Hinzu kommt, dass die Feiertage eine Lücke in der Corona-Datenlage hinterlassen hätten. Es wurde weniger getestet und die Gesundheitsämter hätten positive Testergebnisse verzögert weitergegeben. Auch die Tests an Schulen sind aufgrund der Weihnachtsferien weggefallen. Die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen waren vor Weihnachten jedoch die Gruppe mit der bundesweit höchsten Inzidenz.

»Das Virus ist wirklich sehr ansteckend! Das galt schon für die bislang vorherrschende Variante Delta, nun scheint sich die Übertragbarkeit noch einmal deutlich gesteigert zu haben. Das ist selbst im Vergleich zu anderen sehr ansteckenden Viren, wie etwa den Erregern von Masern oder Windpocken, ein Spitzenwert.«

Ralf Bartenschläger

Virologe am Helmholtz-Zentrum

Inzidenzen nach Altersgruppen vom 06.12.2021 (Quelle: morgenpost.de)

Zwar ist die bundesweite 7-Tage-Inzidenz über die Feiertage gesunken, jedoch ist bereits jetzt wieder ein zunehmender Trend erkennbar. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass erst ab dem 10. Januar 2022 die Lage korrekt wiedergegeben werden kann. Das sei insbesondere deshalb problematisch, weil die Politik vorher Entscheidungen treffe. Ein Blick ins Ausland könnte Aufschluss geben, was uns in Deutschland bevorsteht: Frankreich, in dem Omikron bereits vorherrschend ist, verzeichnete allein am Samstag mehr als 200.000 Neuinfektionen.

Die Lage an Schulen

In Schulen treffen Kinder und Jugendliche eben dieser Altersgruppe zusammen, die zuletzt die höchsten Inzidenzen aufwies. An meiner Schule sind es bis zu 32 Schüler*innen pro Klasse. Zwar gilt auch im Unterricht die Maskenpflicht, doch wer isst oder trinkt, setzt die Maske ab. Schüler*innen trinken zum Teil aus einer Flasche oder essen auf dem Weg zum Pausenhof, sodass sie ohne Maske durch die Flure laufen. Alle 20 Minuten soll für 3 bis 5 Minuten gelüftet werden. Bei einer Infektion geht nicht mehr die gesamte Lerngruppe in Quarantäne. Doch gerade mit Blick auf die Quarantäne-Regelung wurden die Maßnahmen zuletzt sogar gelockert. Die Entwicklung der Pandemie verläuft derweil in eine andere Richtung.

Kultusminister*innen sind sich seit jeher einig, dass Schulen sichere Orte seien und man Präsenzunterricht höchste Priorität habe. Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagte zuletzt im Landtag, Schulen wirkten als „Hygienefilter“ für Kinder und Jugendliche. Somit begann bereits am Montag der reguläre Präsenzunterricht in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen und Rheinland-Pfalz. Dabei verzeichnen insbesondere Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen besonders hohe Inzidenzen in der Altersklasse 5-14. 

Thüringen startete deshalb mit einem Sonderweg nach den Weihnachtsferien. Bildungsminister Helmut Holter (Linke) verordnete zwei Tage im Distanzunterricht und lässt Schulen ab Mittwoch selbst entscheiden, ob sie Präsenz-, Wechsel- oder Distanzunterricht anböten.

Welche Rolle spielen Schulen? - KMK hielt Studie unter Verschluss

Um die Rolle der Schulen am Infektionsgeschehen zu klären, gab die Kultusministerkonferenz (KMK) im Herbst 2020 ein Studienprojekt in Auftrag. Die Kinderklinik der Universität Köln sollte gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung belegen, welche Effekte Distanzlernen hätte und wie die internationale Forschungslage sei.

Bald lieferten die Forscher erste Zwischenergebnisse, die jedoch eine lange Zeit nicht öffentlich zugänglich gemacht wurden. Erst nach mehreren Anfragen über das Portal fragdenstaat.de und von der Presse wurden die Zwischenergebnisse veröffentlicht. Hier heißt es, Schulschließungen seien „effektive Instrumente“ zur Pandemiebekämpfung gewesen.

»Insgesamt zeigt sich in den Übersichtsarbeiten, dass Schulschließungen effektive Instrumente zur
Eindämmung der Epidemie sind, allerdings nicht als Einzelmaßnahme.«

Effekt von Schulschließungen

Studie im Auftrag der Kultusministerkonferenz

Schulschließungen sind im weitesten Sinne eine Maßnahme zur Kontaktreduktion. Dazu gehören weniger Kontakte im öffentlichen Nahverkehr und weniger Freizeitkontakte. »Darüber hinaus werden Schulschließungen als Zeichen der Ernsthaftigkeit der Epidemie wahrgenommen und können persönliche Einschränkungen verstärken«. Außerdem hält der Zwischenbericht fest, »dass Kinder für die Übertragung von SARS-CoV-2 empfänglich sind und zu dieser beitragen«.

Der Zwischenbericht führt auch das Infektionsrisiko von Lehrkräften an und vergleicht dieses zur Zeit des Distanzunterrichts mit der Zeit von Präsenzunterricht. Hierfür wurde eine Studie aus Schottland herangezogen, die herausfand, »dass das Infektions- sowie das Hospitalisierungsrisiko von Lehrer*innen während der Schulschließungen etwa halb so groß ist, wie das der Allgemeinbevölkerung«. Nach Schulöffnungen steige das Infektionsrisiko in dieser Studie auf das dreifache.

»Es ergibt sich hieraus ein durchaus erhöhtes Infektionsrisiko und auch Hospitalisierungsrisiko bei
fortlaufendem Präsenzbetrieb für Lehrpersonal im Vergleich mit Zeiträumen oder LehrerInnen im
Fernunterricht.«

Infektionsrisiko für Lehrkräfte

Studie im Auftrag der Kultusministerkonferenz

Die Lage an Schulen hat sich seitdem verändert

Die Studie wurde im Zeitraum von KW 45/2020 bis KW 5/2021 durchgeführt und umfasst somit den Zeitraum vom 02. November 2020 bis zum 07. Februar 2021. Hinzu kommt die Tatsache, dass »die Erhebung und Veröffentlichung von Zahlen zu Infektionen […] von Seiten der KMK für den Berichtszeitraum ausgesetzt« wurden, sodass für die Ergebnisse nur die Daten aus Meldedaten in schulrelevanten Altersgruppen möglich waren.

Inzidenzen nach Altersgruppen vom 15.12.2020 (Quelle: morgenpost.de)

Im genannten Zeitraum erreichte die Inzidenz am 15. Dezember 2020 ihren Höchstwert in der Altersklasse 5-14. Am 21. Dezember erreichte auch die Altersklasse 15-34 mit 236,0 ihren Höchstwert im Berichtszeitraum. Ihren Tiefstwert erreichten die Inzidenzen in der Kalenderwoche 5/2021 – als die Zahlen der zweiten Welle abebbten. Die Studie zeigt nun für eben diese Werte, dass Schulschließungen »effektive Instrumente« seien. In der Altersklasse bis 14 waren die Inzidenzen im Dezember 2021 bundesweit 7x so hoch. Nun stehen Schulen vor einer bekannten Situation: Sie starten nach den Weihnachtsferien in eine unbekannte Corona-Lage mit neuer Virusmutation.

Wie gefährlich ist Omikron?

In Ländern wie Großbritannien und den USA grassiert Omikron bereits als vorherrschende Mutante. Hier hat die Zahl der Krankenhauseinweisungen von infizierten Kindern zugenommen. Dass Omikron deshalb gefährlicher für Kinder ist, belegt das jedoch nicht. Ein Grund hierfür könnten Zufallsdiagnosen sein: Kinder, die aufgrund einer anderen Sache im Krankenhaus behandelt wurden und dann positiv getestet werden, fließen in die Statistik ein. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Burkhard Rodeck, verwies darauf, dass dies auf einen Großteil der Kinder zutreffe.

Omikron befalle insbesondere die oberen Atemwege und kann sich dort bis zu 70x stärker vermehren als die Delta-Variante. Das sorge dafür, dass Omikron ansteckender sei als alle bisherigen Varianten. In der Lunge könne sich die neue Mutante jedoch weniger gut vermehren, weshalb schwere Verläufe seltener werden könnten. Hinzu komme, dass viele Kinder noch immer keinen Impfschutz hätten und der vorhandene Impfschutz von der Mutante umgangen werden könne. Die Daten lassen zur Zeit aber keine sicheren Aussagen zu.

Björn Meyer, Virologe an der Universität Magdeburg, ist zuversichtlich, dass Omikron mit ausreichend Zeit- und Arbeitsaufwand genauer untersucht werden könne. Besorgniserregend sei Omikron aber aufgrund der Annahme, dass es den Immunschutz einer Impfung womöglich umgehen könne.

Schulen sind der Lage nicht gewachsen!

Um Schulen in der Pandemie sicherer zu gestalten, hat die Bundesregierung im Februar 2021 die S3-Leitlinien zum Schutz von Kindern und Jugendlichen verabschiedet. Virologe Meyer bemängelt jedoch, dass bisher kein Bundesland die Maßnahmen der S3-Leitlinie konsequent umsetze. Die Leitlinie setzt für ein mäßiges Infektionsgeschehen etwa die Kohortierung der Lernenden voraus. Bei einem hohen Infektionsgeschehen empfiehlt das Papier einen versetzten Unterrichtsbeginn, um die öffentlichen Verkehrsmittel zu entlasten. Übrigens: Von einem hohen Infektionsgeschehen spricht das RKI bei Inzidenzen von über 50.

Zwar werden ungeimpfte Schülerinnen und Schüler regelmäßig in der Schule getestet, hierbei handelt es sich aber um um Antikörper-Schnelltests, die unprofessionell selbst durchgeführt werden und deshalb die Omikron-Variante nicht zuverlässig anzeigen könnten. Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts, wies darauf hin, dass aufgrund der schnellen Verbreitung weniger Viren für eine Infektion ausreichend seien. Eine geringe Viruslast könne von Antigen-Schnelltests nicht immer erkannt werden.

In vielen Bundesländern wurden die vom RKI empfohlenen Quarantäneregeln aufgeweicht. Dadurch verbleiben unentdeckt infizierte Kinder in der Klasse. Das kritisiert auch der Bundeselternverband. 

»Somit sind Kinder in Schulen weiter nicht adäquat geschützt.«

Björn Meyer

Virologe an der Universität Magdeburg

Quellen: rki.de, tagesschau.de, rnd.de, deutsches-schulportal.de, helmholtz.de, kmk.org, deutschlandfunk.de, zdf.de, interaktiv.morgenpost.de, aerzteblatt.de

AWMF (2021): S3-Leitlinie: Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen [externer Link]

KMK (2021): Bericht zum Projektfortschritt COVID-SCHULEN [externer Link]

Wifo Research Briefs (2021): Ausmaß und Effekte von Schulschließungen [externer Link]

Titelbild: congerdesign/ pixabay.com

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