Das Ende der epidemischen Lage?

Das Ende der epidemischen Lage?

Es wird Winter. Und während die Temperaturen sinken, steigt natürlicherweise die Anzahl der erkälteten Personen. Zwar sind die Tage von Jens Spahn (CDU) als Bundesgesundheitsminister bereits gezählt, doch den Akt lässt er sich nicht nehmen: Trotz steigender Inzidenzen hält er am Auslaufen der epidemischen Lage in Deutschland fest. Im ZDF “heute-journal” sagt er:

»Der Ausnahmezustand, vom Bundestag festgestellt, der kann aus meiner Sicht beendet werden, weil vier von fünf Erwachsenen geimpft sind.«

Jens Spahn (CDU)

Bundesgesundheitsminister

Erst Ende August hatte der Bundestag eine Verlängerung der epidemischen Lage um weitere drei Monate beschlossen. Diese möchte Jens Spahn zum Ende November auslaufen lassen. Entscheiden tut dies jedoch der Bundestag: Er könnte die epidemische Notlage von nationaler Reichweite erneut verlängern. Sie ist die rechtliche Grundlage für Bundes- und Landesregierungen, um Verordnungen zu Corona-Maßnahmen wie Maskenpflicht, Abstands- und Kontaktbeschränkungen und/oder Impfstoffbeschaffung zu erlassen.

emmagrau / pixabay.com

Warum soll die epidemische Lage beendet werden?

Wir sehnen uns nach Normalität. Uns fehlen die Umarmungen, wir vermissen die unbeschwerte Nähe. Die epidemische Lage sei eine Notlösung auf Zeit gewesen, beteuert der Gesundheitsminister und möchte diese nun auslaufen lassen. Die relativ hohe Impfquote unter den Erwachsenen ermögliche es, die Notlage zu beenden, so Jens Spahn. Mit Ende der Regelungen werde aber nicht auch die Pandemie für beendet erklärt, verdeutlicht Spahn.

»Auch ich sage beständig, wie viele andere auch, wir brauchen in Herbst und Winter weiterhin Vorsichtsmaßnahmen, vor allem 3G - geimpft, genesen, getestet - im Innenraum, vor allem medizinische Schutzmasken, AHA-Regeln, in Bus und Bahnen, im Einzelhandel.«

Jens Spahn (CDU)

Bundesgesundheitsminister

Spahn wirbt darüber hinaus auch für besondere Schutzmaßnahmen an Schulen und in Pflegeeinrichtungen. Auch der Immunologe Carsten Watzl unterstützt diese Haltung: »Wir werden diesen Winter noch viele Corona-Schutzmaßnahmen brauchen, die Infektionszahlen werden weiter nach oben gehen und leider wird auch die Intensivstationsbelastung weiter nach oben gehen.« Bereits in den letzten Wochen ist die bundesweite Inzidenz auf über 110 angestiegen. Am 20. Oktober 2021 hatten wir mehr als doppelt so viele Neuinfektionen wie am 20. Oktober 2020 in Deutschland.

Wie ist die derzeitige Lage in Deutschland?

Corona-Inzident nach Alter
Corona-Inzident nach Alter, Quelle: https://interaktiv.morgenpost.de/corona-inzidenz-kinder-alter-kita-schule/

Inzwischen schlüsselt das Robert-Koch-Institut die Inzidenzen nach Altersgruppen auf, so können demographische Unterschiede bei den Infektionen festgestellt werden. Bei einem Blick auf die aktuellen Inzidenzen fällt auf, dass insbesondere Kinder und Jugendliche mit hohen Inzidenzen zu kämpfen haben.

Ursache hierfür könnte der fehlende Impfschutz sein. Zwar ist der Impfstoff von Biontech bereits für Kinder ab 12 Jahren freigegeben, in der Altersklasse 12 bis 17 sind aber gerade einmal 39,7% vollständig geimpft. Bei den Menschen ab 60 Jahren sind hingegen mehr als 85% vollständig geimpft.

Inzidenz in der Altersgruppe 5 - 14
Inzidenz in der Altersgruppe 5-14, Quelle: https://semohr.github.io/risikogebiete_deutschland/

Dass das ein hinnehmbares Risiko zu sein scheint, zeigen Bundesländer wie Baden-Württemberg, Bayern und Berlin. Hier wurde bereits vor den Herbstferien die Maskenpflicht an Schulen gelockert. Auffällig ist deshalb, dass ausgerechnet in diesen Regionen die Inzidenz in der Altersgruppe 5-14 besonders hoch ausfällt.

Im bayerischen Landkreis Berchtesgadener Land beträgt die Inzidenz in der Altersklasse 5-14 inzwischen 1.117. Viele weitere Landkreise weisen eine Inzidenz von über 200 bei den 5-14-Jährigen auf, einige von ihnen auch in der gesamten Gesellschaft.

Während die Marke von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern im letzten Winter noch als Übergangswert in den Distanzunterricht gehandhabt wurde, gibt es in diesem Jahr keine weitreichenden Maßnahmen.

Stattdessen verzichten immer mehr Bundesländer zumindest in Teilen auch auf die Maskenpflicht im Unterricht. Auch SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht die Entwicklung an Schulen kritisch: »Wir werden nach den Herbstferien deutlich mehr Ausbrüche in den Schulen erleben.« Lauterbach schlägt für Schulen vor, dreimal wöchentlich einen Schnelltest durchzuführen, weil diese die Delta-Variante relativ zuverlässig erfassen würden. Kontaktpersonen sollten fünf Tage in Folge täglich getestet werden, um Infektionsketten frühzeitig zu erkennen.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft GEW, Maike Finnern, sieht Nachholbedarf, in Sachen Luftfilter sei dringender Nachholbedarf.

Auslastung auf Intensivstationen ebenfalls wichtig

Auch die Auslastung des Gesundheitssystems ist inzwischen ausschlaggebend für die Bewertung der Corona-Lage. Insbesondere die Zahl drei freien Betten auf der Intensivstation soll hierbei berücksichtigt werden. Deutschland hat insgesamt rund 30.000 Intensivbetten.

Freie Intensivbetten
Freie Betten auf Intensivstationen, Quelle: https://www.intensivregister.de/#/aktuelle-lage/kartenansichten
freie intensivbetten auf Kreisebene

Im gesamten Bundesgebiet sind derzeit noch rund 3.000 Betten auf den Intensivstationen frei – das entspricht etwa 10%. Den größten Anteil der ITS-Betten belegt die Altersgruppe 60-69 (26,1%), Kinder und Jugendliche belegen derzeit 1,1% der Betten. 

Bei einem Blick auf die Anzahl der Intensivbetten in Berlin wird das Ausmaß deutlich. Berlin hat 1.155 betreibbare Intensivbetten, davon sind derzeit knapp 100 Betten frei. Berlin verzeichnet aktuell mehr als 7.100 aktive Corona-Infektionen und knapp 3,65 Millionen Einwohner.

0-17 Jahre 1.1%
18-29 Jahre 2.8%
30-39 Jahre 2.8%
40-49 Jahre 12.5%
50-59 Jahre 21.8%
60-69 Jahre 26.1%
70-79 Jahre 18.1%
80+ Jahre 11.7%

Altersstruktur der ITS-Belegung wegen Covid-19 (statista)

Long Covid wird oft nicht bedacht!

Auch das Phänomen “Long Covid” wird im Diskurs über Corona oft vernachlässigt. Gemeint sind Beschwerden, die nachweislich nach einer Covid-19-Infektion auftreten, z.B. Atemwegsbeschwerden, neurologische Schäden, Depressionen, Muskelschwäche, Bewegungseinschränkungen und Müdigkeit. Bereits im Mai fand eine Studie heraus, dass 54% aller Infizierten auch sechs Monate nach der Infektion noch Beschwerden hatten.

Long Covid
Häufigkeit von Long Covid, Quelle: https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2780376

Langzeitfolgen nach Impfung?

Langzeitschäden nach einer Infektion mit dem Coronavirus treten somit bei jedem Zweiten auch sechs Monate nach der Infektion noch auf. Impfnebenwirkungen, wie sie dank Joshua Kimmich gerade im gesellschaftlichen Diskurs stehen, gibt es jedoch nicht. Die Corona-Impfstoffe sind noch relativ neu, Langzeitstudien gibt es dementsprechend nicht. Während die möglichen, kurzfristigen Nebenwirkungen bekannt sind, haben viele Angst vor Nebenwirkungen, die erst Monate oder Jahre nach der Impfung auftreten.

»Generell ist es bei Impfstoffen so, dass die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden oder Tage auftreten, in seltenen Fällen auch mal nach Wochen. Langzeit-Nebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, sind bei Impfstoffen generell nicht bekannt.«

Klaus Cichutek

Professor für Biochemie, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts

Nebenwirkungen durch Impfungen treten jedoch kurzfristig nach der Injektion auf – innerhalb von Stunden oder Tagen. Sie klingen in der Regel innerhalb von maximal 14 Tagen wieder ab.

Abzugrenzen hiervon sind Impfschäden, die durchaus langfristig zu Beeinträchtigungen führen können. Zum Beispiel gab es damals bei der Pocken-Impfung in seltenen Fällen zu Hirnhautentzündungen. Eine Hirnhautentzündung kann dabei durchaus längerfristige Schäden verursachen, während sie als Impf-Nebenwirkung nur kurzfristig auftritt. »Die damaligen Impfstoffe würden nach heutigen Zulassungskriterien jedoch gar keine Zulassung mehr erhalten«, sagt Petra Falb, Gutachterin für die Zulassung von Impfstoffen.

Die zugelassenen Impfstoffe haben eine sehr gute Wirksamkeit und schützen mit großer Sicherheit mindestens gegen einen schweren Verlauf, auch wenn sie eine Infektion nicht immer ausschließen können. Damit können Impfungen Leben retten.

Quellen: zdf.de, morgenpost.de, rki.de, jamanetwork.com, tagesschau.de, intensivregister.de

Titelbild: emmagrau/ pixabay.com

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